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Kriminalität Verdächtiger von Mord in Frankfurt war in psychiatrischer Behandlung / Diskussion über Sicherheit an deutschen Bahnhöfen

Nach Tod auf Gleis 7: Trauer, Stille, Hilflosigkeit

Archivartikel

Am Frankfurter Hauptbahnhof ringen Passanten um Fassung. Helfer sammeln ihre Kräfte. Fahrgäste sind wachsamer als sonst. Einen Tag, nachdem ein acht Jahre alter Junge vor einen Zug gestoßen wurde und gestorben ist, werden Erklärungen für die Tat gesucht.

Am Eingang zum Bahnsteig stehen Grablichter, liegen Blumen und Kuscheltiere. Ein Teddybär hält einen Zettel mit der Frage des Tages: „Warum?“ Warum musste der kleine Junge am Montag sterben? Wie konnte es passieren, dass der Achtjährige vor den einfahrenden Zug gestoßen wurde? Was ging in dem Täter vor? Antworten hat am Dienstag in Frankfurter niemand.

Man hat den Eindruck, es ist stiller an diesem Dienstagmorgen. Leerer ist es nicht. Die Massen schieben sich an den Gleisen entlang und laufen durch die Halle. Am vollsten ist es am Eingang zu Gleis 7, wo viele Kamerateams Stellung bezogen haben. Weiter hinten, im abgelegenen Abschnitt E, wo sich das Drama am Montag zutrug, sind am Dienstag keine Blumen zu sehen. Nur zwei pinkfarbene Striche an der Bahnsteigkante markieren die Stelle, an der der Achtjährige starb.

Aus der Schweiz geflüchtet

In Berlin versucht am Dienstag unter anderem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Antworten zu finden: Er spricht von einem „kaltblütigen Mord“ am Frankfurter Hauptbahnhof. Ein solches Ereignis treffe „mitten ins Herz“. Nun werde alles unternommen, um den mutmaßlichen Täter auch seiner gerechten Strafe zuzuführen. Zugleich richtete sich der Blick des Ministers auf die Verbesserung der Sicherheit an Bahnhöfen.

Am Montagvormittag soll ein aus Eritrea stammender Mann, Vater von drei Kindern, einen Achtjährigen und seine Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen haben. Die Mutter konnte sich retten, der Sohn wurde getötet. Laut Schweizer Behörden soll sich der Tatverdächtige in psychiatrischer Behandlung befunden haben. Hinweise auf eine Radikalisierung oder ideologische Motive gebe es nicht.

Seehofer erklärt in Berlin, der Verdächtige habe seit mehr als zehn Jahren eine Niederlassungserlaubnis in der Schweiz besessen. Er sei auch legal in Deutschland eingereist. Der 40-Jährige sei zudem ein Beispiel für „gelungene Integration“ gewesen. Aus dem Fall ergäben sich keine aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen, betont der Minister.

Gleichwohl weiß der Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, zu berichten, dass der mutmaßliche Angreifer in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben gewesen ist. Er soll am Donnerstag eine Nachbarin mit einem Messer bedroht, sie gewürgt und eingesperrt haben.

Die Vermutung liege daher nahe, so Romann, dass er sich auf der Flucht befunden habe. Der Mann sei aber weder bei der deutschen Polizei noch bei anderen hiesigen Behörden in den entsprechenden Registern geführt worden. Auch sei kein Asylverfahren anhängig. Eine Kontrolle an der Grenze habe nicht stattgefunden, da es keine regulären Grenzkontrollen an der deutsch-schweizerischen Grenze gebe, sagt Roman.

In aller Früh telefoniert Innenminister Seehofer mit Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Unter Einbezug der Bahn vereinbaren beide mehrere Spitzengespräche darüber, wie die Sicherheit an den Bahnhöfen verbessert werden kann. „Und zwar wirksam“, betont Seehofer. Allerdings gibt es in Deutschland 5600 Stationen mit völlig unterschiedlichen Strukturen. Seehofer nennt den Ausbau der Videoüberwachung, mehr polizeiliche Präsenz, auch Veränderungen bei der technischen Ausstattung an den Bahnsteigen als Maßnahmen.

Debatte über Nachrüstung

Hinweise der Bahn auf Millionen-Kosten kontert Seehofer mit der Bemerkung: „Wenn es um Menschenleben geht, gefällt mir das Argument mit dem Geld überhaupt nicht.“ Angesichts eines so „grässlichen Verbrechens“ bestehe die Pflicht für die Politik, die Sicherheit der Bevölkerung weiter zu erhöhen.

Was möglich ist und was nicht, darüber wird nun politisch diskutiert. FDP-Verkehrsexperte Oliver Luksic sagt dieser Zeitung, ein Abschirmen von Bahngleisen, etwa durch Glas- oder Plastikwände, könne insbesondere an S- und U-Bahnsteigen für mehr Schutz sorgen.

Von fast allen Seiten wird zudem gestern zur Besonnenheit aufgerufen. „Wir sollten einen Moment innehalten und uns fragen, wie wir mit solchen Taten umgehen“, mahnt die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt. AfD-Vize Georg Pazderski erklärt hingegen: „Der tote Achtjährige vom Frankfurter Hauptbahnhof ist ein Fanal und muss die lange überfällige sicherheitspolitische Kehrtwende auslösen.“

Am Bahnsteig in Frankfurt fragt sich unterdessen ein Passagier wie alle anderen, was in dem Täter vorgegangen sein könnte. Seine Herkunft tue nichts zur Sache, sagt ein Geschäftsmann. Sie mache die Tat weder schlimmer noch besser und helfe auch nicht, sie zu verstehen. „Man muss vorsichtig sein und hoffen, dass man nicht zur falschen Zeit am falschen Ort ist.“

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