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Gesundheit Expertin Friederike Gerstenberg plädiert dafür, jeden Tag einfach mal innezuhalten und durchzuatmen / Aus Langeweile entstehen neue Ideen

„Nichtstun sollte Bestandteil des Alltags sein“

Archivartikel

Mannheim/Stuttgart.Der Alltag ist zunehmend von Stress und Hektik geprägt. Im Urlaub wäre Zeit, nichts zu tun. Doch der wird heute oft sehr effizient gestaltet, bedauert Psychologin Friederike Gerstenberg.

Frau Gerstenberg, Nichtstun hat einen schlechten Ruf. Zu Recht?

Friederike Gerstenberg: Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein Fan vom Nichtstun. Es ist ein guter Kontrapunkt zu dem, was diese hektische Welt uns zu bieten hat. Nichtstun ist für unsere Psyche essenziell und sollte daher auch fester Bestandteil unseres täglichen Lebens sein.

Warum ist Nichtstun so wichtig?

Gerstenberg: Man sieht das gut bei Kindern. Ich sage immer, jedes Kind hat ein Recht auf Langeweile. Denn daraus entstehen oft neue Spiele und Ideen. Nach einem ersten Quengeln brauchen die Kinder keinen Stimulus von außen mehr, sondern entwickeln etwas aus sich selbst heraus und sind dann unheimlich stolz. Und das ist bei Erwachsenen ganz ähnlich. Durch das Nichtstun können sich ganz neue Ideen entwickeln.

Im Urlaub hätten wir eigentlich Zeit zum Nichtstun.

Gerstenberg: Richtig, aber der Urlaub wird heutzutage oft sehr effizient gestaltet. Man will sich maximal erholen und nachher Kollegen und Freunden erzählen, was man alles erlebt hat. Sinnvoller wäre es aber, Zeit einzuplanen, um mal wieder durchzuatmen.

Stattdessen greifen wir bei Langeweile zum Smartphone...Gerstenberg: Genau. Aber um einen Zugang zu sich selbst zu finden, muss man auch mal das Handy weglegen oder handyfreie Zeiten definieren.

Wie tut man nichts?

Gerstenberg: Indem man sich gemütlich hinsetzt oder hinlegt und dabei beobachtet, welche Gedanken auftauchen. Diese sollte man einfach vorbeiziehen lassen und nicht etwa etwas erledigen, das einem gerade einfällt.

Was kann man tun, wenn man dabei keine Ruhe findet?

Gerstenberg: Gewohnheiten tragen uns durchs Leben. Deswegen sollte man klein – vielleicht mit fünf Minuten am Tag – anfangen. Nichtstun ist eine Kunst, und daher wird sich dies anfangs für einige vermutlich sehr lang anfühlen. Doch wer das einen Monat täglich macht, entwickelt eine Gewohnheit. Und die kann man dann bei Bedarf ausweiten.

Das Interview wurde telefonisch geführt und zur Autorisierung vorgelegt.

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