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Wetter Entscheidung über Hitzefrei überlassen Bundesländer den Schulen vor Ort / Rechtlicher Anspruch darauf ist nirgendwo verankert

Pfefferminztee und lockere Kleidung – das hilft

Archivartikel

Heiße Saharaluft bringt Deutschland ins Schwitzen. Für Mittwoch werden die vorerst höchsten Temperaturen erwartet. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, mit falschen Annahmen aufzuräumen.

Es ist Sommer. Da scheint die Sonne, die Temperaturen steigen – wie in (fast) jedem Jahr. Und mit den sommerlichen Hitzewellen kommen zuverlässig wieder diese Fragen auf: Was bringt Abkühlung? Wie kann man sich schützen? Ein Faktencheck:

Annahme: Mittags ist es am heißesten.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Die Sonne steht um die Mittagszeit zwar am höchsten und gibt die stärkste Strahlung ab. Die Lufttemperatur erreicht ihr Maximum aber erst mit einigen Stunden Verzögerung. Erst wenn die Erdoberfläche so weit aufgeheizt ist, dass auch Straßen, Dächer und andere Objekte wieder Wärme abgeben, entstehen nach Aussage von Wetterexperten die Höchstwerte des Tages.

Hinzu kommt, dass der Höchststand der Sonne in Deutschland nicht um 12 Uhr mittags erreicht wird, sondern wegen der Sommerzeit nicht vor 13 Uhr. So ist es beispielsweise in Görlitz, am östlichsten Zipfel Deutschlands. Die Stadt liegt genau auf dem 15. Längengrad, sie ist deshalb idealtypisch für die Berechnung der „Normalzeit“ in Deutschland. In Aachen an der Westgrenze erreicht die Sonne Ende Juni erst mehr als eine halbe Stunde später, also gegen 13.40 Uhr, ihren Höchststand.

Je nach Umgebung wird die höchste Temperatur deshalb erst am späteren Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr gemessen.

Annahme: Bei Temperaturen über 35 Grad gibt es Hitzefrei.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Es gibt kein „Hitzefrei-Gesetz“, das eine Höchsttemperatur im Klassenzimmer oder am Arbeitsplatz vorschreiben würde.

Die meisten Bundesländer haben die Entscheidung darüber, wann der Unterricht im Klassenzimmer nicht mehr zumutbar ist, an die einzelnen Schulen delegiert. Dort wird aber auch organisiert, dass Schüler und Lehrer gemeinsam an kühlere Orte wie Parks wechseln können oder zum Beispiel Hausaufgaben entfallen. Die Kinder einfach nach Hause zu schicken geht ohnehin nicht: Die Schulen sind zur Aufsicht verpflichtet.

Im Beruf stehen die Chancen auf Hitzefrei noch schlechter. Zwar muss der Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Mitarbeiter im Job vor Gesundheitsgefahren geschützt sind. In den „Technischen Regeln für Arbeitsstätten“ wird zum Thema Raumtemperatur aber keine absolute Höchstgrenze genannt. Büros seien ab 35 Grad nicht als Arbeitsräume geeignet. Das gelte aber nur, wenn keine Kühlmaßnahmen ergriffen werden. Die Lufttemperatur in Arbeitsräumen „soll +26 ˚C nicht überschreiten“, geben die Experten im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums vor. Wenn es draußen noch wärmer wird, müssten Schutzmaßnahmen ergriffen werden – etwa mit Sonnenschutzsystemen, einer Lockerung von Kleidungsvorschriften, Gleitzeitregelungen oder der Bereitstellung von Trinkwasser.

Liveblog: Hitzewelle in Deutschland

Annahme: Beduinen schützen sich mit dunkler Kleidung gegen Hitze.

Bewertung: Richtig, aber entscheidend ist eher der Schnitt als die Farbe der Kleidung.

Fakten: Weiße Kleidung wirft das Sonnenlicht zurück, schwarze dagegen saugt es auf. Dennoch bevorzugen viele Wüstenbewohner in Nordafrika und dem Nahen Osten dunkle Gewänder. Israelische Forscher haben das schon 1980 genauer untersucht und Vergleichsmessungen mit Beduinen in der Negev-Wüste vorgenommen.

Das Ergebnis: Die Farbe der Gewänder machte kaum einen Unterschied, wohl aber der Schnitt. Denn die Beduinen tragen ihre Roben locker um den Körper – so kann zwischen den Lagen Luft hindurchströmen, die die Wärme abtransportiert und die Haut so kühlt. Probanden in eng sitzenden hellbraunen Uniformen oder kurzen Hosen wiesen dagegen höhere Hauttemperaturen auf.

Annahme: Eine kalte Dusche stoppt die Schweißproduktion.

Bewertung: Falsch.

Fakten: Durch das kalte Wasser geht die Körpertemperatur erstmal runter, das Gehirn bekommt ein Kältesignal. Die unter der Oberfläche gelegenen Blutgefäße ziehen sich zusammen, um Wärmeverlust zu verhindern. Nach der Dusche muss sich der Körper dann wieder auf die heiße Außentemperatur einstellen – die Gefäße reagieren mit verstärkter Schweißproduktion.

Experten raten deshalb dazu, im Hochsommer nicht unter Körpertemperatur zu duschen.

Annahme: Warmer Tee kann bei Hitze mehr erfrischen als eine eiskalte Limonade.

Bewertung: Richtig.

Fakten: Wie bei kalten Duschen wird mit Kaltgetränken der Stoffwechsel angeregt, der Körper reagiert auf den Kälteimpuls mit Wärmeproduktion. Am Ende fließt sogar mehr Schweiß, der Körper verliert die dringend benötigte Flüssigkeit, man hat mehr Durst – ein gefährlicher Kreislauf.

Der menschliche Körper ist darauf eingerichtet, Speisen und Getränke an die etwa 36,7 Grad Körpertemperatur anzugleichen. Kaltes wird erwärmt, Heißes gekühlt – beides ist mit Anstrengungen verbunden. Hitzeprofis bevorzugen deshalb warme Getränke. Das Wärmesignal sorgt dafür, dass sie ständig – aber nur leicht – schwitzen, was zu Verdunstungskühle führt. Der in Nordafrika beliebte Pfefferminztee hat zudem eine kühlende Wirkung.

Annahme: Bei Hitze können Ventilatoren Abkühlung schaffen.

Bewertung: Ungewiss.

Fakten: Ventilatoren bringen die Luft in ihrer Umgebung in Bewegung. Wer sich in diesem Luftzug befindet, spürt eine Abkühlung, wenn Schweiß auf der Haut verdunstet. Die Raumtemperatur sinkt durch den künstlich erzeugten Wind nicht. Eine Studie von 2016 zu den Wirkungen von Ventilatoren konnte positive Effekte nicht belegen. Bei Temperaturen über 35 Grad könnte ein allzu warmer Luftstrom sogar zu einer Überhitzung und Dehydrierung des Körpers führen, heißt es. Wetterexperte Jörg Kachelmann ist dennoch überzeugt: „Mit einem anständigen Propeller hält man fast jede Temperatur aus.“

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