Welt und Wissen

Präsident Putins große Spiele

Im Dezember 2010 titelte die russische Internetzeitung gazeta.ru – damals noch regierungskritisch – ironisch: „Russland hat die Fußball-WM gewonnen“. Gewonnen war da natürlich noch nichts oder zumindest wenig. Gewonnen war lediglich der Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele, gemeinsam mit Katar, wo der Ball in vier Jahren quasi im Sand rollen soll.

Kaum hatte der damalige Präsident des Fifa-Weltfußballverbandes, Joseph Blatter, den Zettel mit „Russia“ hochgehalten, fingen die Diskussionen über die Farce der Vergabe an, die eine systemimmanente Logik offenbarte. Russland kam im Zuge des Entsetzens über den Zuschlag für Katar fast milde davon. Da war die Rede von gekauften Stimmen, man prangerte die in Russland üblichen „Otkaty“ bereits für die Ausschreibungen an, so heißen Bestechungsgelder für Beamte und Politiker im Russischen.

Vorwürfe, aber keine Fakten

Es blieb jedoch lediglich bei den Korruptionsvorwürfen, die sowohl Russland als auch Katar bis heute vehement bestreiten. Selbst der Prüfbericht zur WM-Vergabe des US-Anwalts und Fifa-Ethikkommissionsermittlers, Michael Garcia, erbrachte keinen zwingenden Beweis, dass die WM gekauft worden war. Der Bericht zeigt zwar die Abgründe der Fußball-Welt in der Ära Blatter auf, doch er liefert keine Fakten, die juristisch relevant wären.

Die Veröffentlichung so mancher Details passt jedoch nicht zu dem, was Blatter-Nachfolger Gianni Infantino versprochen hatte: einen moralischen Neuanfang im Weltfußball. Putin und Infantino brauchen einander, sie brauchen diese Weltmeisterschaft. Der Schweizer, um zu zeigen, dass die Blatter-Ära vorbei ist, der Russe, um seine Legitimation zu stärken, um von strukturellen Problemen im Land abzulenken.

Ein solches Großereignis lässt Russland sich als das Land präsentieren, wie es die Führung wünscht: modern und weltoffen. „Es wird ein wunderbares Fest“, sagte Russlands Präsident bei einer Sitzung mit Vertretern des russischen Sicherheitsrates. Ein Fest, um vor allem seinem Volk zu zeigen: Seht her, wir sind nicht isoliert, die ganze Welt kommt zu uns! Damit sendet er wieder einmal das Signal, dass solche „Errungenschaften“ nur funktionieren, weil er an der Macht ist.

Stolz und Gleichgültigkeit

Rund 15 Milliarden Euro soll der Neubau von Stadien – die Spiele finden in zwölf Arenen in elf Städten statt – , Flughäfen oder Hotels gekostet haben. Selbst Kritiker betrachten die WM als „Motor für die Stadtentwicklung“, zumindest in den Spielorten.

Die Austragung der Meisterschaft erfüllt die meisten Russen mit Stolz – und oft mit vollkommener Gleichgültigkeit. Als „Land der hoffnungslosen Fußballfans“ wird Russland zuweilen beschrieben, der „Sbornaja“, wie die Nationalmannschaft heißt, werden kaum Chancen aufs Weiterkommen zugerechnet. Fußball gilt als Rüpelsport im Land. Niemand, der klug sei, interessiere sich dafür, sagen Russen oft.

Die Klagen über die Korruption bei der Vergabe scheinen den meisten im Land egal zu sein. Sie halten die Vetternwirtschaft in Russland für gegeben – und sagen: „Wenn schon Geld hin- und hergeschoben wird, dann wollen wir etwas für unseren Alltag davon haben.“ Mit der WM, so sind sie sich sicher, haben sie das. inn