Welt und Wissen

Serie Journalismus zeigt Gesicht

Quellen – und wie wir Journalisten sie prüfen und nutzen

Mannheim.Journalisten bekommen Hinweise aus vielen Bereichen. Ob daraus verwertbare Informationen – als gedruckte oder digitale Nachrichten – werden, entscheidet die Prüfung der Hinweise. Lesen Sie hier über Quellen – von A wie Archiv bis P wie Pressestellen. 

Archive

Ob das Bundesarchiv in Koblenz, das Stadtarchiv, das elektronische Archiv im eigenen Haus oder das persönliche Archiv: Journalisten greifen fast immer auch auf bereits veröffentlichte Informationen als Quellen zurück. Etwa, um etwas über historische Entwicklungen von einer Firma, über die aktuell zu berichten ist, zu erfahren und dies in aktuelle Berichterstattung einfließen lassen zu können.

Broschüren

Publikationen – ob vom Kinderschutzbund, von Industrie- und Handelskammern (IHK), von Firmen, von Vereinen, von Denkmalschützern – gelangen als Hefte in die Redaktionen. Redakteure lesen und werten Broschüren aus, um eventuell für einen Beitrag in der Zeitung angeregt zu werden. Beispiel: In einem monatlich erscheinenden Heft einer IHK wird ein Unternehmen beschrieben, das ein besonders flexibles und familienfreundliches Arbeitszeitmodell entwickelt hat. Redakteure gehen dann auf das Unternehmen zu, um einen Text über das pfiffige – und damit besondere – Unternehmen zu verfassen.

Eigene Idee

Journalisten sind in ihrer Region unterwegs, beobachten, sehen, werden angesprochen, stellen sich selber Fragen. Daraus entsteht, meist im Gespräch mit anderen, ein Gedanke und eine Idee. Die muss geprüft werden, ob sie möglichst viele Menschen berührt oder interessiert. Dann beginnt die Planung: Wen muss ich wozu fragen? Wer könnte mir bei der Frage weiterhelfen? Ein Konzept entsteht, Recherche beginnt. Die aktuell laufende Serie „Eine Region vor dem Kollaps?“ ist so entstanden – nämlich aus immer wiederkehrenden Verkehrsproblemen auf Brücken, Straßen und anderen Wegen, häufiger Diskussion in der Redaktion dieser Zeitung – und auch aus den hohen Lesewerten (sie signalisieren ein besonders großes Interesse), die im morgenweb, dem Internetauftritt dieser Zeitung, mit Verkehrsthemen erreicht werden.

Instagram / Facebook / Twitter

Diese und weitere soziale Netzwerke haben Journalisten im Blick, um Themen zu entdecken, die die Menschen aktuell beschäftigen. Bei Katastrophen oder Anschlägen – etwa in München 2017 oder vor kurzem in Halle auf die Synagoge – können Mitteilungen in sozialen Netzwerken, also Postings, zusätzliche Informationen zur Situation liefern. Allerdings werden in solchen Situationen auch gezielt Falschinformationen – also Fakenews – abgesetzt. Deshalb ist bei Informationen aus sozialen Netzwerken besondere Vorsicht geboten. Sie verbreiten sich in Windeseile und es muss deshalb unter hohem Zeitdruck geklärt werden, ob die Inhalte wahr sind oder nicht. Im Zweifelsfall gilt: Wenn sich der Journalist nicht sicher ist, verwendet er die Information nicht – bis diese endgültig bestätigt ist oder mangels Nachweisen verworfen wird.

Deutsche Presse-Agentur (dpa)

Sie ist die größte deutsche Nachrichtenagentur und versorgt ihre Kunden – fast alle Medien in Deutschland – mit rund 2000 Texten und ebenso vielen Fotos in 24 Stunden. Nur ein Bruchteil davon wird genutzt von Zeitungen, Radio, Fernsehen, Onlinediensten. Manchmal dient eine dpa-Meldung als Anregung. Wenn die dpa zum Beispiel über Marienkäfer und Wanzen berichtet, die besonders häufig in Brandenburg auftauchen, kann das für diese Zeitung eine Anregung sein, auch in der Rhein-Neckar-Region dieser Frage nachzugehen. Zur Klärung fragen wir Journalisten bei Fachleuten in der Region nach, wir recherchieren. Wenn das so ist, wird daraus eine Meldung oder ein längerer Beitrag – für Zeitung und Onlinekanäle. Neben der dpa gibt es in Deutschland noch Nachrichtenagenturen wie Reuters mit Schwerpunkt Wirtschaft oder den Sportinformationsdienst (sid) sowie konfessionelle Agenturen wie Katholische Nachrichtenagentur (KNA) oder den Evangelischen Pressedienst (epd).

Fernsehen / Radio

Fernsehsender oder Radiostationen berichten manchmal über die Region, drehen einen Film oder machen Interviews mit Menschen von hier. Ob der neueste „Tatort“ aus Ludwigshafen mit Ermittlerin Ulrike Folkerts oder ein Rundgang durch die Neckarstadt-West von der Journalistin Düzen Tekkal mit Fernsehteam und einem kritischen Beitrag zum Zustand des Stadtteils – wir Journalisten greifen die Erkenntnisse auf, fragen nach, schreiben darüber, ordnen die Quellen zu und ein.

Gerüchte

Dass ein Mannheimer Strafverteidiger in Drogengeschäfte verwickelt war, landete vor etwa zwei Jahren zunächst als ungeprüfter Hinweis in der Redaktion. Nachfragen bei der Staatsanwaltschaft, ob es ein Ermittlungsverfahren gegen den Anwalt gibt, wurden nach Wochen bestätigt. So ist aus einem Gerücht, was man zunächst intensiv prüfen muss, eine Wahrheit geworden – und damit ein Text für die Zeitung und den Online-Auftritt. Bei Gerüchten, die manchmal schmutzige Vorwürfe und Vermutungen enthalten können, ist besonders wichtig, mit ermittelnden Behörden und denen zu sprechen, gegen die sich die Vorwürfe richten und alle in Texten zu Wort kommen zu lassen.

Hintergrundgespräche

Diese Form von Gesprächen sind meist zunächst vertraulich. Einladende – in aller Regel Politiker, Verwaltungsleute, manchmal auch Unternehmer oder Sportler – wollen sich zunächst vertraulich Journalisten mitteilen, Hintergründe und eine Einordnung zu einem Sachverhalt geben, manchmal auch ein mögliches Thema ausloten oder lancieren. Diese Form von Gesprächen gibt es in der Hauptstadt Berlin täglich zu Hauf – oft auch von Lobbyisten, die Interessen vertreten, etwa in der Gesundheits-Industrie für Konzerne bestimmte positive Rahmenbedingungen erwirken wollen.

Informelle Gespräche

Dies kann der Austausch unter vier Augen mit jemandem aus einer Firma oder Behörde sein, zu dem es ein gewisses Vertrauensverhältnis gibt und den man nach heiklen Dingen, die interessant für eine Öffentlichkeit sind, fragen kann. Der Gesprächspartner möchte meist nicht in einer Berichterstattung namentlich oder identifizierbar in Erscheinung treten, kann aber im Zweifel Zusammenhänge erläutern und darlegen. Wie viel Glaubwürdigkeit dahinter steckt und welche vielleicht nicht genannten persönlichen Interessen beim Gesprächspartner noch eine Rolle spielen, müssen wir Journalisten nach solchen Gesprächen prüfen – durch Nachfrage bei anderen und deren Einschätzung zu vorgebrachten Sachverhalten oder durch Fragen nach der Plausibilität.

Leser- und Nutzerhinweise

Leser und Nutzer sind wertvolle Hinweisgeber – vor allem, wenn es um Vorkommnisse in der Region geht. Beispiel: In der Straße, in der eine Leserin wohnt, sind 10 von 20 Bäumen an einem Tag gefällt worden. Sie informiert die Zeitung und verbindet das mit der Frage und Bitte um Klärung, warum das so ist. Wir Journalisten beginnen aufgrund des Hinweises zu recherchieren und schreiben darüber einen Text. Auch zum Achterbahn-Defekt auf der Oktobermess 2019 in Mannheim erhielten wir Bilder und Informationen eines Nutzers, dessen Frau aus der Achterbahn gerettet werden musste, über unsere Facebook-Seite.

Pressekonferenz

Hier kommen Journalisten und Menschen, die etwas öffentlich mitteilen wollen, zusammen. Es gibt einen Ort für die Verabredung, beispielsweise im Rathaus, im Gericht, im Theater, auf einer Baustelle, bei einem Sportverein. Die Einladenden schildern, was ihnen wichtig ist und erläutern den Grund ihrer Einladung. Das kann ein Trainerwechsel im Sport genauso sein wie Veränderungen in der Spitze von Unternehmen – etwa wenn der Vorstandsvorsitzende wechselt. Pressekonferenzen werden heute auch manchmal in Telefonschalten abgewickelt, also ohne persönliches Treffen. Journalisten stellen Fragen. Aussagen erscheinen als Zitate in Texten. Quellen sind die Zitierten.

Pressemitteilung

Ein Unternehmen wie die BASF, das Nationaltheater Mannheim (NTM) oder der Fußballclub TSG Hoffenheim wollen etwas bekannt und damit öffentlich machen. Dafür verfassen hauptberufliche Mitarbeiter Texte, liefern (bewegte) Bilder und geben diese an Medien zur Verwertung und Verbreitung weiter. Oft platzieren Öffentlichkeitsarbeiter auch Meldungen, die auf der Onlineseite des Absenders zu finden sind. Journalisten entscheiden, ob und wie sie die Angebote verwerten, also für Zeitung oder Website nutzen. Dabei ist ausschlaggebend das öffentliche Interesse und häufig der Bezug zur Region. Eine Pressemitteilung der Polizei im norwegischen Oslo zu einem Straßenbahnunfall mit Schwerverletzten ist in unserer Region nicht von öffentlichem Interesse. Ereignet sich dasselbe hier, wird eine Meldung daraus, häufig mit Polizei oder Feuerwehr als Quelle – manchmal auch mit Augenzeugen, die sich gegenüber Journalisten äußern. Sie sind aber nicht immer taugliche Beobachter, weil es aufgrund von Stresssituationen auch zu verzerrten Wahrnehmungen kommen kann. Neben hauptberuflichen Öffentlichkeitsarbeitern gibt es viele ehrenamtliche Pressewarte, die für Vereine und kleine Organisationen Mitteilungen über ihre Arbeit und Erfolge an Medien geben.

Pressestellen

Polizei, Staatsanwaltschaft, Städte, große Firmen, Verbände haben professionelle Pressestellen, in denen häufig gelernte Journalisten arbeiten, die die Seite gewechselt haben. Pressestellen werden oft mit konkreten Anfragen von Journalisten konfrontiert – etwa wenn es um städtische Bauten und deren Kosten geht. Oder wenn die Verwaltung vom Gemeinderat beauftragt wird, neue Fahrradwege zu suchen oder nach einem Platz für eine weitere Auto-Tiefgarage. Oder wenn die Kita-Gebühren steigen sollen, wird von Journalisten nach dem „Warum“ gefragt. Staatlich-öffentliche Einrichtungen wie Städte, Staatsanwaltschaften, Gerichte, Polizei müssen Journalisten mehr Fragen beantworten, damit Journalisten zur Aufklärung und Information der Öffentlichkeit beitragen können. Wenn öffentliche Einrichtungen Aussagen und Antworten nicht geben wollen, können Journalisten ihren sogenannten Auskunftsanspruch über Verwaltungsgerichte einklagen, etwa wenn es um das Ausgeben von öffentlichem Geld geht. Eine Klage kann dauern, aber trotzdem zum Erfolg führen. Hier ist Geduld und Beharrlichkeit gefragt. Privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen müssen nach Presserecht gar keine Auskünfte geben, tun dies aber besonders dann gern, wenn es um Erfolge und gute Botschaften aus dem Unternehmen geht. Wenn beispielsweise eine Staatsanwaltschaft gegen führende Mitarbeiter eines Unternehmens etwa wegen des Verdachts der Untreue ermittelt, haben Unternehmen in aller Regel kein Interesse, dass das öffentlich wird.

Pressekodex

Das ist eine journalistische Selbstverpflichtung mit 16 Regeln zum journalistischen Arbeiten, darunter Persönlichkeitsrechte, Schutz der Ehre, Berichterstattung über Straftaten, Sorgfalt. Der Deutsche Presserat ist das Gremium, das über die Einhaltung des Kodex wacht und mehrmals im Jahr tagt. Jeder kann eine Beschwerde beim Presserat einreichen. Bei Verletzung des Kodex spricht er Rügen, Missbilligungen oder Hinweise an Medien aus, die das auch ihren Lesern mitteilen sollten. Im Vorjahr gab es bei knapp über 2000 Beschwerden 28 Rügen.

Info: Zur Webseite des Presserates


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