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Paris Noch ist umstritten, wie die architektonische Lösung für Frankreichs berühmte Kathedrale ausfallen soll / Geschäftsleute auf der Ile de la Cité beklagen Umsatzeinbußen

Reparatur von Notre-Dame – Experten mahnen zu Geduld

Wann und wie wird Notre-Dame nach dem Feuer am 15. April wieder aufgebaut? Was genau war die Brandursache, und wann wird das Monument für Besucher wieder geöffnet? Viele Fragen bleiben offen und erfordern einen langen Atem. Ein Ortsbesuch.

Mit lässigen Armbewegungen lässt der Bauarbeiter Wasser aus einem Schlauch auf den Steinboden brausen, um ihn zu reinigen. Er setzt dabei einen so unbeteiligten Gesichtsausdruck auf, als befinde er sich nicht auf Frankreichs berühmtester Baustelle. Gelbliche Metallplanken sperren sie ab, über denen Stacheldraht angebracht ist. Nur auf Höhe des Haupteingangs gibt ein Gitter den Blick frei – auf den Arbeiter und seine Kollegen mit Bauhelmen auf dem Kopf, die zwischen Arbeitsutensilien miteinander diskutieren. Und auf den Haupteingang der Baustelle Notre-Dame.

Touristin: „Juwel von Paris“

Auf der anderen Seite der Metallstäbe sammeln sich Touristen, die versuchen, möglichst viel von der Kathedrale zu erhaschen. Von der berühmten Rosette, über der jetzt ein Loch klafft. Von den beiden Zwillingstürmen und den filigran ausgearbeiteten Figurenportalen – sie hielten dem verheerenden Brand am 15. April dieses Jahres stand. Anders als ein großer Teil des Daches und das Balkengewölbe, das die Flammen auffraßen.

Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist aus der Distanz kaum zu ermessen. Aber davon zeugen Fotos vom demolierten Innenraum voller Schutt. Und vor allem die Videos vom Flammeninferno über der gotischen Kathedrale und dem erschütternden Moment, als der schlanke Vierungsturm herabstürzte. „Wir haben es im Fernsehen miterlebt“, sagt ein amerikanisches Paar mit betroffener Mine. „Es hat uns sehr schockiert. Notre-Dame ist das Juwel von Paris!“

Streit im Parlament

Am Tag nach der Katastrophe versprach Präsident Emmanuel Macron, die Kathedrale würde „noch schöner als zuvor“ wiederaufgebaut – bis 2024, wenn Paris die Olympischen Spiele ausrichtet. Rasch lancierte die Regierung einen internationalen Architekten-Wettbewerb zum Wiederaufbau des Spitzturms. Gilt es, ihn mit etwas Zeitgenössischem zu ersetzen oder ihn identisch zu rekonstruieren? Während sich sowohl die Unesco, die Notre-Dame auf ihrer Weltkulturerbe-Liste führt, als auch die Mehrheit der Bevölkerung für deren authentischen Wiederaufbau ausspricht, machten Architektenbüros abenteuerliche Vorschläge – vom Glasdach bis zu einem Treibhaus. Derweil streiten die beiden Parlamentskammern über ein Gesetz, das Umwelt- und Denkmalschutznormen aussetzen soll, um die Arbeiten zu beschleunigen.

Etliche Architekten und Denkmalschützer kritisieren diese Eile. In einem offenen Brief riefen 1170 französische und internationale Persönlichkeiten dazu auf, „sich Zeit für die Diagnose zu nehmen und den Experten zuzuhören“. Ohnehin muss zunächst das Ausmaß der Zerstörung durch das Feuer und das Löschwasser analysiert werden; parallel dazu laufen die Stützungsarbeiten, und der Abbau des vor dem Brand errichteten Baugerüsts mit seinen 50 000 Röhren steht an.

Momentan ragt es wie ein Krater aus der Mitte des Monuments. In der Nachbarschaft, auf der Ile de la Cité, der größeren der beiden Seine-Inseln, hofft man auf schnelles Voranschreiten. Von hier aus entwickelte sich Paris vor mehr als 2000 Jahren aus der keltischen Siedlung „Lutetia“. Hauptanziehungspunkt war hier bisher Notre-Dame, das am häufigsten besuchte Monument Frankreichs mit rund 13 Millionen Menschen pro Jahr. Selbst wenn viele nun das abgesperrte Gelände umrunden – die vorherigen Massen bleiben aus.

„Es ist gar kein Vergleich“, sagt die Besitzerin eines Souvenir-Ladens in der Nähe des Westeingangs. Ratlos steht sie vor ihrer Boutique. „Früher war oft der gesamte Vorplatz voller Leute. Wir spüren den Einbruch sehr stark.“ Dasselbe berichtet Aline, Verantwortliche für eine Eisdiele ein paar Meter weiter. Sie schätzt den Rückgang der Kunden auf 30 Prozent. „Davon abgesehen müssen wir wegen der Partikel in der Luft alle unser Blut testen lassen. Auch das Gebäude wurde auf gefährliche Rückstände hin untersucht“, erzählt sie. Rund 250 Tonnen Blei waren auf der Turmabdeckung und auf dem Dach verbaut. Über Stunden schmolz es bei dem Brand dahin.

Wirtschaftsminister Bruno Le Maire hat direkte Hilfen in Höhe von insgesamt 350 000 Euro für die Geschäftstreibenden auf der Ile de la Cité in Aussicht gestellt. Aber er mahnte auch „längerfristige Überlegungen zum Überleben dieser Läden für die nächsten Jahre“ an.

Andachtsraum auf dem Vorplatz

Vom Brandunglück besonders betroffen sind auch die Gläubigen. Die Diözese hat angekündigt, einen Andachtsraum auf dem Vorplatz des 850 Jahre alten Gotteshauses zu errichten, wo diese die Beichte ablegen können, sobald die Sicherheitslage es zulässt. Mitte Juni zelebrierte der Pariser Erzbischof Michel Aupetit mit einem Bauhelm auf dem Kopf eine Messe im kleinen Kreis.

Auch die Ermittlungen über die Brandursache erfordern einen langen Atem. Die Pariser Staatsanwaltschaft sieht „keinerlei Hinweise“ für Brandstiftung und nennt als wahrscheinlichste Ursachen eine weggeworfene Zigarette, einen Kurzschluss oder eine Störung des elektrischen Warnsystems. Bekannt ist, dass Arbeiter auf der Baustelle am Dachstuhl das Rauchverbot missachteten. Auch wurde beim Brandschutz bereits 2015 eine Stelle eingespart. Der Sicherheitsbeauftragte am 15. April war neu im Job. Als der Feueralarm losging, konnte er die betroffene Stelle nicht zuordnen. 30 wertvolle Minuten vergingen.

Gerettet wurden unter anderem bedeutende Reliquien wie die heilige Dornenkrone, die Tunika Saint-Louis und die weltberühmte Orgel, nicht aber das große Uhrwerk unter dem Vierungsturm, für das ein Bauplan fehlte. Doch dann geschah etwas, das der Uhrmachermeister Jean-Baptiste Viot als „riesiges Glück“ bezeichnet: Zufällig entdeckte er in einer Pariser Kirche ein fast identisches Uhrwerk mit einer ähnlich aufwendigen Zahnrad-Mechanik – gefertigt ebenfalls im Jahr 1967 und in derselben Werkstatt, das die originalgetreue Rekonstruktion erlauben wird.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/politik

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