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Großherzogtum Mit dem Ende der Adelsherrschaft muss auch beliebter Regent zurücktreten / Flucht nach Zwingenberg und Langenstein

Rufe am Schloss: Heraus mit dem größten Lump!

Ein alkoholisierter Matrose mit roter Armbinde – er ist es, der in Baden die Monarchie zu Fall bringt. „Eine Art Köpenickiade“ nennt Peter Exner vom Generallandesarchiv in Karlsruhe jene Ereignisse im November 1918, die das Ende des Großherzogtums bringen.

Seit 100 Jahren, seit dem August 1818, gibt es eigentlich eine – für damalige Verhältnisse – freiheitliche Verfassung, die zahlreiche Grundrechte gewährt. Großherzog Friedrich II. ist keinesfalls ein verhasster Regent. Der Karlsruher Soldatenrat stellt die großherzogliche Familie sogar unter seinen Schutz, nachdem es im Zuge der Ausrufung der Republik in Berlin überall im Land zu gären beginnt.

Heinrich Klumpp ist das aber egal. Als Matrose war er an der Meuterei der Kaiserlichen Hochseeflotte am 7. November in Kiel beteiligt, dann kehrt er in seine Heimatstadt Karlsruhe zurück – und trinkt. In der Nacht vom 11. auf 12. November 1818 stößt er – alkoholisiert und dadurch wohl mutig – auf einen Trupp Infanteristen, unterstellt ihn sich wie einst der „Hauptmann von Köpenick“ in Berlin und marschiert mit den Soldaten zum Schloss.

Nächtliche Abreise

Der Überlieferung nach, so Peter Exner, schlägt er erst mit dem Gewehrkolben gegen das Tor und verlangt, den Großherzog zu sprechen. „Heraus mit dem größten Lump von Baden!“, soll er gerufen haben. Nachdem der Leiter des Oberhofmarschallamtes ihm das verweigert, wird er wütend und gibt das Kommando, auf das Schloss zu schießen.

„Das Gebäude verzeichnet allein an der Südwestfront 54 Einschläge“, so Exner. Fenster, Holzgebälk, auch Vasen werden demoliert – die großherzogliche Familie erschreckt zutiefst. Binnen acht Minuten steigt sie in Autos, die am Fasanengarten bereitstehen, und rast mitten in der Nacht davon. „Die hastige Flucht konnte als faktischer Rücktritt gedeutet werden“, wertet das Exner.

Erste Station ist Schloss Zwingenberg. Dort kommt schon am Tag darauf Besuch von dem Mannheimer Gastwirt Anton Geiß, Vorsitzender der badischen SPD, Mitglied der Ständeversammlung und Vorsitzender der vorläufigen Volksregierung. Er legt dem Großherzog den Rücktritt nahe. Die Verkündung der Republik sei „unvermeidlich“, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Friedrich II. kann sich aber nur durchringen, seine Regierungsrechte ruhen zu lassen. Er hofft, eine verfassungsgebende Versammlung werde ihn, vielleicht nur noch als Repräsentant, im Amt belassen.

Geiß und sein Begleiter, Staatsminister Heinrich von Bodmann, fahren noch in der Nacht zurück, müssen wegen einer Autopanne aber im Hockenheimer Gasthof „Zur Kanne“ nächtigen. Dass es dort für beide nur ein Handtuch gibt, muss sie so gekränkt haben, dass Exner Hinweise darauf in den Akten findet.

Abfindungsvertrag rettet Titel

Wieder in Karlsruhe, verkündet Geiß, dass „alle Staatsgewalt in den Händen der badischen Volksregierung“ liege und „Baden eine freie Republik“ sei – das Ende der Monarchie. Friedrich II. sieht das aber erst am 22. November ein. Inzwischen ist er auf Schloss Langenstein geflüchtet und steht dort unter den Schutz der Schweden, weil seine Schwester Viktoria Königin von Schweden ist. Da unterzeichnet er die endgültige Abdankung, verzichtet für sich und die Nachkommen auf den Thron.

Die Residenz in Karlsruhe sowie die Schlösser Rastatt, Mannheim, Schwetzingen und Bruchsal fallen der Republik Baden zu. Doch es gibt einen Abfindungsvertrag – die Schlösser in Baden-Baden (2003 verkauft) und Salem (2009 vom Land erworben) mit den darin befindlichen Kunstschätzen darf die Familie behalten, dazu den Titel „Markgraf von Baden“. Das heutige Familienoberhaupt Bernhard Prinz von Baden lebt weiter in Salem, es ist der Sitz seines Weinguts und Forstbetriebs.