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„Sie hören die Stimme des Täters“

Archivartikel

Lea Schell (Bild) ist Kopf des Teams für Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit. Auf ihrer Station hat die 30-Jährige es überwiegend mit Opfern von sexueller oder physischer Gewalt zu tun – überwiegend Frauen.

Frau Schell, PTBS-Erkrankte werden immer wieder von ihrem Trauma eingeholt. Wie gestalten sich diese sogenannten Flashbacks?

Lea Schell: Bei den Menschen läuft das Erlebte urplötzlich wie ein Film vor den eigenen Augen ab. Sie hören die Stimme des Täters, der Person, die ihnen Schaden zugefügt hat. Sie riechen, was sie damals gerochen haben, oder spüren denselben Schmerz. Das kann so intensiv sein, dass die Betroffenen gar nicht mehr wahrnehmen, dass das Erlebnis in der Vergangenheit war.

Gibt es für diese Flashbacks konkrete Auslöser?

Schell: Ja. Wir sprechen dabei von Triggern. Es kann sein, dass der Erkrankte einen Fremden trifft, der wie der Täter aussieht. Oder zum Beispiel an einen Platz kommt, der ihn an den Ort des Geschehens erinnert.

Wie wirkt sich das auf den Alltag der Erkrankten aus?

Schell: Die Hauptstrategie von PTBS-Erkrankten heißt „Vermeidung“. Die Betroffenen gehen nicht mehr nach draußen. Sie schauen kein Fernsehen. Oder sie meiden beispielsweise Autofahrten. Opfer von sexueller Gewalt scheuen oft körperliche Nähe. Manche machen sich nicht mehr hübsch, um keine potenziellen Täter anzuziehen.

Auf welche Weise kann den Menschen geholfen werden?

Schell: Durch Exposition – also indem man die Patienten mit ihrem Trauma konfrontiert. Nach sorgfältiger Vorbereitung sollen sie dieses bewusst und wiederholt erzählen. Allmählich wird so den traumabezogenen Gefühlen die Intensität genommen. gs

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