Welt und Wissen

Hinter der Geschichte Reporterin dieser Zeitung mit Fotografen von Polizist festgenommen und im Auftrag des Geheimdiensts befragt

Sieben Stunden ohne Wasser und Essen

Wie sich minus 45 Grad anfühlen? Mit Thermounterwäsche, zwei Skihosen, zwei Fleecejacken, einer alpinen Schneejacke, einem Pelzmantel drüber, drei Socken in wärmeisolierten Gummistiefeln samt Wärmesohle, der Kaschmirmütze und einer winddichten Kapuze sowie Wollhandschuhen gar nicht so übel. Nur der starke Wind in der Bucht am Ochotskischen Meer lässt einen nach drei Stunden auf dem zugefrorenen Wasser, knapp 15 Minuten mit dem Schneemobil von der Küste entfernt, einen sehr warmen Ofen herbeisehnen.

In Russland leben knapp 50 sogenannte kleine indigene Völker des Nordens. Viele sind Rentierzüchter, viele Fischer. Sie haben gewisse Privilegien gegenüber der Mehrheitsbevölkerung. Der Reichtum an Bodenschätzen im Land ist für viele Indigene Segen und Fluch zugleich.

Alltag in der Kälte

Lange wollte ich solche Orte besuchen, wollte mir erzählen lassen, was mit Lebensweisen der Ahnen in einer digitalisierten, leistungsorientierten Gesellschaft passiert, wie Menschen im harschen Klima Russlands leben, wo die Winter auch schon einmal neun Monate andauern können.

Zusammen mit den Fotografie-Studenten Timo Jaworr und Philipp Hannappel aus Hannover machte ich mich im Februar auf die Reise zu den Niwchen nach Sachalin. Die beiden kannten die Gegend im Norden der Insel, seit bald drei Jahren beschäftigen sie sich mit den Fischern von Nekrassowka.

Dieses Mal nimmt der Aufenthalt einen unerfreulichen Ausgang. Am letzten Interviewtag werden wir vom Dorfpolizisten mitgenommen, in die nächstgrößere Stadt, knapp 40 Kilometer weiter, gebracht. Eine siebenstündige Befragung, angeordnet vom Geheimdienst FSB, folgt. Wasser dürfen wir nicht trinken, zu essen gibt es nichts. Wir wissen nicht, warum wir da sitzen. Die Befrager schreien, erniedrigen uns, erklären nichts. Die Studenten sollen Dokumente unterschreiben, auf denen nicht das steht, was sie ausgesagt haben.

Am Ende darf jeder von uns weiterreisen. Ich nach Moskau, die Fotografen nach Deutschland. Das Gefühl eines völligen Ausgeliefertseins bleibt.