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Gesetze Begehen Geistliche Straftaten, können sie nicht nur nach weltlichen Regeln belangt werden / Kritik an vagen Formulierungen und fehlendem Bezug zu Opfern

So ahndet das Kirchenrecht Sexualdelikte

Archivartikel

Mannheim.Kommt es zum sexuellen Missbrauch durch Geistliche, greift neben dem weltlichen Gesetz auch das Kirchenrecht. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Straftaten durch Geistliche.

Wie ist Strafe im Kirchenrecht geregelt?

Das Strafrecht ist im kirchlichen Gesetzbuch, dem Codex Iuris Canonici, verankert. Darin aufgelistet sind Vergehen wie Amtspflichtverletzungen oder etwa Verstöße gegen die Beichtpflicht.

Gibt es Artikel, die sich mit Missbrauch beschäftigen?

Nicht direkt. Ein Artikel des Codex Iuris Canonici beschäftigt sich mit Sexualverstößen von Klerikern. „Bestraft wird dadurch der Verstoß gegen das Keuschheitsgelübde“, sagt Matthias Pulte, Kirchenrechtler an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Pulte kritisiert, dass sich jene Norm nur um die Bestrafung des Täters drehe: „Es fehlt der Opferschutz.“ Zudem bleibe sie in der Formulierung sehr vage.

Wie hat sich das Strafrecht entwickelt?

Das Erste Vatikanische Konzil regte die Schaffung eines einheitlichen Gesetzes an. 1917 veröffentlichte Papst Benedikt XV. den Kodex. „In diesem Text war das Strafrecht mit Blick auf Sexualdelikte wesentlich ausdifferenzierter“, sagt Pulte. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde 1983 eine Reform des Gesetzes umgesetzt. Dabei sei das kirchliche Strafrecht deutlich verschlankt worden. „Die Meinung war, dass man Strafe in der Kirche ohnehin nicht brauche“, erklärt Pulte. Im Zuge dessen seien auch Strafen für Sexualdelikte auf eine einzige Norm zusammengefasst worden. Diese Regelung gilt bis heute.

Wie können Priester bestraft werden?

Im Kirchenrecht ist von „gerechter Strafe“ die Rede. In der Regel sei damit die Laisierung, also eine Amtsenthebung, gemeint, so Pulte. „Priester können von den Aufgaben, die ihnen mit der Weihe übertragen wurden, ausgeschlossen werden“, sagt Pulte.

Was passiert mit Taten, die nun durch die Studie ans Licht kamen?

„Der Verdacht muss der Glaubenskongregation gemeldet werden“, sagt Pulte. Das ist jene Behörde in Rom, die in der katholischen Kirche für die Einhaltung der Lehre und Sitten zuständig ist. Die müsse entscheiden, ob und wo im vorliegenden Fall ein Verfahren eingeleitet wird. Die Höchststrafe, also der Verlust des Klerikerstandes, kann nur durch ein Verfahren im Vatikan erreicht werden. Alternativ könne ein Verfahren im Bistum eröffnet werden. Bistümer können jedoch nur eine temporäre Strafe verhängen. „Etwa das Verbot, das Amt für fünf Jahre auszuüben“, sagt Pulte.

Wie spielen kirchliches Recht und weltliches Recht zusammen?

Seit 2010 gilt in Deutschland, dass jeder erhärtete Verdacht, der bei einer kirchlichen Behörde gemeldet wird, vom Bistum an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet werden muss. Das weltliche Strafgesetzbuch sieht für Missbrauch von Kindern Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vor, in besonders schweren Fällen drohen sogar 15 Jahre Haft. Vor 2010, also auch während des Untersuchungszeitrums der Studie, gab es eine solche Meldepflicht nicht. „Die Kirche hat autonom gehandelt oder eben nicht gehandelt“, sagt Pulte.