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Verwaltung Spuren der napoleonischen Reformen sind noch heute in der Gesetzgebung sowie in der Landkarte Deutschlands erkennbar / Neugestaltung der Kurpfalz

Standesamt, Hausnummern und Meterware

In seiner Zeit als Herrscher über die Franzosen hat Napoleon Bonaparte Europa grundlegend verändert. Auch Deutschland, das in Teilen während der Feldzüge Napoleons unter die Herrschaft des Nachbarn fiel.

Obwohl 1815 dessen militärischer Erfolg ein Ende fand, hat der Mann aus Korsika den Geist der Französischen Revolution in die Welt getragen – mit noch heute gängigen Errungenschaften.

Zivilrecht: In seinem Zivilgesetzbuch „Code Civil“ übernimmt Napoleon einige Grundideen der Französischen Revolution, etwa die Gleichheit vor dem Gesetz oder die Trennung von Staat und Kirche. Nach dem Einmarsch der französischen Truppen gilt der „Code Civil“ für Jahrzehnte auch in Teilen Deutschlands – etwa in Baden oder den linksrheinischen Gebieten. Zudem bleibt er eine der Grundlagen des 1900 für Deutschland eingeführten Bürgerlichen Gesetzbuches.

Standesamt: Erst Standesbeamter, dann Pfarrer: Dass religiöse Eheleute heute zweimal „Ja“ sagen – einmal vor dem Staat, einmal vor Gott –, geht auf Napoleon zurück. 1798 wird in den besetzten rheinischen Provinzen die verpflichtende Zivilehe eingeführt. Eine rein kirchliche Trauung ist dann dort nicht mehr gültig. Nach und nach geht diese Regelung auf alle deutschen Länder über, fünf Jahre nach der Gründung des Deutschen Reichs wird 1876 die Zivilehe zum einheitlichen Gesetz.

Meterware: In napoleonischer Zeit setzt das metrische System zu seinem Siegeszug an. Maße wie Meter, Liter und Gramm werden eingeführt. Jedoch geht die Verbreitung in Frankreich anfangs nur schleppend voran, weil viele sich den Neuerungen widersetzen. 1837 wird das metrische System in Frankreich Pflicht, im Deutschen Reich 1872.

Hausnummern: „Zum Bären“ oder „Zum Ochsen“. Über Jahrhunderte tragen die Häuser in Deutschland zur Orientierung häufig markante Bezeichnungen oder die Namen ihrer Besitzer. Napoleons Militär trägt die in Paris bereits verbreiteten Hausnummern nach Deutschland. Damit soll die Unterbringung der Soldaten vereinfacht werden. Anfangs steigen die Zahlen erst auf der einen Straßenseite auf und gehen dann auf der anderen weiter. Wegen des starken Städtewachstums wird später das Zick-Zack-System eingeführt, mit geraden Zahlen auf der einen Straßenseite, ungeraden auf der anderen.

Pfalz: Mit dem Wiener Kongress im Jahr 1815, nach Napoleons Niederlage in Waterloo, wurden die kurpfälzischen Gebiete neu gegliedert. Städte wie Alzey und Worms wurden der Provinz Rheinhessen zugeschlagen, die nördlich der Nahe gelegenen Teile fielen unter anderem an Preußen. Das linksrheinische Gebiet um Mutterstadt, Neustadt, Landau und Frankenthal kam mit anderen Territorien der heutigen Pfalz an das Königreich Bayern: die Rheinpfalz. Da dieser linksrheinische Teil bereits seit 1798 in den französischen Staat eingegliedert war und dort daher der „Code Civil“ früher galt als in anderen deutschen Gebieten, entwickelten sich hier die Ideen für Bürger- und Freiheitsrechte entsprechend lebhafter – und trugen so dazu bei, dass die damalige deutsche Demokratiebewegung im Hambacher Fest 1832 gipfelte. (mit malo)