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Pandemie II Verfügung des badisches Bezirksamts wegen Ansteckungsgefahr / Mannheimer Stadtrat um Oberbürgermeister Theodor Kutzer offenbar dagegen

Streit um Schließung von Hoftheater und Rosengarten

Wie bei allen ansteckenden Krankheiten schien es auch bei der Spanischen Grippe geboten, die Möglichkeiten einer Ansteckung zu reduzieren, vor allem das Zusammensein vieler Menschen auf engem Raum. Darum verfügte das für Mannheim zuständige badische Bezirksamt, ab 18. Oktober 1918 sämtliche Theater, Kinos und Konzerträume der Stadt bis auf weiteres zu schließen.

Doch schon am Tag darauf wurde die Maßnahme auf Anordnung des badischen Innenministeriums in Karlsruhe zurückgenommen. Dazu beigetragen haben dürfte Mannheims Stadtrat: In einer Sitzung am 17. Oktober forderte das Gremium, wenigstens von der Schließung des Hoftheaters (Nationaltheater) und des Rosengartens abzusehen. Angesichts der „sehr gedrückte(n) Stimmung der Bevölkerung durch die Epidemie und die allgemeine politische Lage“ dürfe man ihr nicht jegliche „Unterhaltungs- und Ablenkungsmöglichkeit“ entziehen.

Dagegen legte, nach erfolgter Rücknahme der Schließung, Mannheims Ärzteschaft Verwahrung ein. In einer öffentlichen Protesterklärung beschuldigte sie den Stadtrat, aus nichtigen Gründen die Verhütung weiterer Ansteckungen zu behindern.

Ärzteschaft protestiert

Dies wiederum will der Stadtrat nicht auf sich sitzenlassen. In einer Sitzung am 24. Oktober weist Oberbürgermeister Dr. Theodor Kutzer die Verantwortung für die Rücknahme zurück; das sei von Karlsruhe nach eigenem Gutdünken so entschieden worden. Dass er sehr wohl damit einverstanden ist, zeigt seine Äußerung, im Theater könne man sich gar nicht anstecken, weil dort alle Besucher „in ein und derselben Richtung“ säßen. Außerdem brauche ja „niemand, der nicht wolle, in das Theater zu gehen“.

In der anschließenden Aussprache wird von einer „Stimmungsmacherei“ und „Rechthaberei der Ärzte“ gesprochen, es treten aber auch abweichende Ansichten zutage. „Der Theaterbesucher unterhalte sich rechts und links“, könne sich also anstecken, gibt ein Ratsmitglied zu bedenken. Ein anderes warnt vor dem Besuch des Theaters, „wo die Luft warm und mit üblen Gerüchen geschwängert sei“.

Dennoch wird über die Frage einer Theaterschließung nicht abgestimmt. Offenbar ist die Ratsmehrheit der Meinung von OB Kutzer, „solange ein genügender Beweis für eine erhebliche Ansteckungsgefahr im Theater nicht bestehe, brauche man dieses nicht zu schließen“.

War Mannheims Stadträten bewusst, dass sie damit Mannheims Bevölkerung zu Versuchskaninchen machten für einen „Beweis“, der für dieselben tödlich sein konnte?