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Großbritannien Regierungschefin gibt an diesem Freitag ihren Posten als Parteivorsitzende auf und bleibt nur noch bis Juli Premierministerin / Kampf um die Nachfolge entbrannt

Theresa Mays langer Weg ins politische Aus

Nach dem Brexit-Referendum 2016 übernahm sie den Job als Premierministerin. Die Brexit-Gegnerin sollte den Austritt aus der EU durchsetzen, hat das aber nicht geschafft. Jetzt wurde May vom Hof gejagt.

Die Machtzentrale in der Downing Street Nummer 10 inmitten der Metropole London und das beschauliche Dorf Sonning in der englischen Grafschaft Berkshire mögen auf den ersten Blick wie zwei gegensätzliche Planeten wirken. Und doch, sie haben eine Sache gemeinsam, die Theresa May in den vergangenen drei Jahren äußerst gelegen kam. An beiden Orten ist es ein Leichtes, sich abzuschotten, von der Welt, dem politischen Getöse, dem ständigen Ärger, und es sich in einer Blase gemütlich zu machen.

Hier der offizielle Sitz der britischen Premierministerin, dort das Zuhause der Privatperson May – jenes kleine Dorf mit seinen historischen Häusern und den alten Gemäuern, das der englische Dichter James Sadler einmal als „schöner als den Rest“ beschrieb, von Kunst veredelt, von der Natur gesegnet. Seit seinem Loblied im 19. Jahrhundert hat sich an der Idylle kaum etwas verändert. Am Nachmittag zur Tea Time werden noch Kränzchen abgehalten und sonntags ist die Kirche deutlich voller als anderswo.

Das Rennen ist eröffnet

Theresa May wird in Kürze zurück in diese Reinform des Bilderbuch-Englands ziehen. Nicht ganz freiwillig, gewiss. Vielmehr wurde sie, das darf man in dieser Deutlichkeit sagen, regelrecht vom Hof gejagt. An diesem Freitag tritt May als konservative Parteivorsitzende zurück, wird nur noch übergangsweise als Premierministerin fungieren, bis ein Nachfolger gefunden ist. Das könnte bereits im Juli der Fall sein. Das Rennen ist freilich schon eröffnet, seit die 62-Jährige vor zwei Wochen zitternd und unter Tränen vor der berühmten schwarzen Tür mit der Nummer 10 das Unvermeidliche bekanntgab: ihr politisches Ende. Ein Abgeordneter nach dem anderen hob daraufhin die Hand, 13 Bewerber für ihre Nachfolge waren es zwischenzeitlich. Der Scherz ging um in Westminster, dass es bald mehr potenzielle Premierminister als konservative Abgeordnete geben würde. Mittlerweile ist die Zahl auf elf geschrumpft– alle mehr oder minder bereit zum Start der Schlammschlacht um das höchste Amt im Land. Nichts anderes dürfte der Wettbewerb werden, der im Reise-nach-Jerusalem-Stil funktioniert.

Zurück auf Los

Die konservative Fraktion verkleinert den Kreis durch Wahlrunden, bis am Ende nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben. Dann entscheidet die Basis. Nur 160 000 Mitglieder bestimmen also die Zukunft des 66-Millionen-Einwohner-Landes. Zu den aussichtsreichen Kandidaten gehören neben Innenminister Sajid Javid, Außenminister Jeremy Hunt und Ex-Brexit-Minister Dominic Raab jene altbekannten Haudegen, die schon einmal um den Premierministerposten buhlten: Ex-Außenminister Boris Johnson, Umweltminister Michael Gove, die Ex-Unterhausvorsitzende Andrea Leadsom.

Es wirkt, als wäre dieses Land nie durch die Tumulte der letzten Jahre gegangen; als hätte es Theresa May nie gegeben; als hätten die qualvollen Verhandlungen mit der EU und die noch qualvolleren Abstimmungen im Unterhaus nie stattgefunden. Vielmehr könnte man meinen, mit einer Zeitmaschine zurück in die Vergangenheit zu reisen, in den schicksalshaften Sommer 2016. Zurück auf Los, nur dass kaum jemand wagt, eine neue Karte zu ziehen. Wie wird das Gefecht dieses Mal ausgehen? Vor drei Jahren herrschte monatelang ein schmutziger Wahlkampf. Mit fiesen Intrigen und einer Skrupellosigkeit, die selbst Shakespeare erröten hätten lassen, stießen sich die Protagonisten des Dramas, Gove, Leadsom und Johnson, auf offener Bühne die Messer in die Rücken. Am Ende stand nur noch Theresa May auf dem Feld.

Die Frau, die zwar offiziell zu den EU-Befürwortern zählte, sich im Wahlkampf aber weitgehend zurückhielt, galt als „sichere Wahl“ und sollte die Rolle der Versöhnerin übernehmen zwischen den Brexit-Befürwortern und den Modernisierern in der Tory-Partei sowie im tief gespaltenen Königreich.

Dieser Schritt darf getrost als gescheitert bezeichnet werden. Sie mag als langjährige Innenministerin eine der bekanntesten Politiker gewesen sein, bevor sie ins höchste Amt aufstieg und doch blieb sie auch in den vergangenen drei Jahren weitgehend unbekannt. In Westminster, wo alte Seilschaften aus Eliteschul-Zeiten viel gelten und Entscheidungen gerne abends im Pub getroffen werden, hieß es stets, sie habe keine echten Freunde. Sie wurde respektiert statt geliebt, wünschte auch nichts anderes. Falls sie doch manchmal den Menschen May durchschimmern lassen musste und aus Wahlkampfgründen etwa mit ihrem Mann auf dem Sofa einer Frühstückssendung landete, präsentierte sie sich steif und blieb ohnehin beim Banalen: Er bringt den Müll raus, beide lieben das Wandern, sie sammelt Kochbücher. Solche Sachen.

Ihr größter Fehler

Einmal wurde sie gefragt, was denn das Ungezogenste gewesen sei, was sie jemals getan hätte. Sie sei als Jugendliche durch Weizenfelder gerannt, obwohl sich die Bauern darüber alles andere als erfreut gezeigt haben, antwortete May. Das Volk stöhnte merklich genervt auf. Politik auf der Insel ist auch immer Show. Doch May eignet sich nicht als Entertainerin. Ihr größter Fehler war es, 2017 Neuwahlen auszurufen. Nach einem katastrophalen Wahlkampf verlor sie nicht nur die absolute Mehrheit, sondern auch ihre Autorität. May wurde eine Gefangene sowohl der erzkonservativen nordirischen Unionistenpartei DUP, die die Regierung fortan duldete, als auch der eigenen Hinterbänkler, die rebellierten und schimpften und putschten. Der Konservativen fehle die Fähigkeit, Koalitionen zu bilden, Unterstützer hinter sich zu versammeln, beschrieben Weggefährten einstimmig ihre größte Schwäche.

Unkommunikativ und grob

Diese sollte ihr zum Verhängnis werden, denn um beim Streitthema Brexit einen Kompromiss zu erzielen, hätte es Allianzen erfordert. Nicht alleine der EU-Austritt war das Problem, sondern auch May persönlich, befand denn auch der einflussreiche konservative Kolumnist Matthew Parris. ,,Sie ist nicht normal, vielmehr außergewöhnlich“ – außergewöhnlich unkommunikativ und außergewöhnlich grob in der Art, wie sie Menschen ausblende, Ideen und Argumente.

Beinahe eine Obsession

Als vor Monaten das ganze Land von der Premierministerin May in der Vergangenheitsform sprach, wollte sie diesen Umstand bis zuletzt nicht akzeptieren. Die Regierungschefin klammerte sich an ihr Amt wie eine Ertrinkende an ein Stück Treibholz. Wie verbissen hat sie um ihre Macht gekämpft, wie hartnäckig wollte sie den Brexit durchboxen als ihr Vermächtnis. Der EU-Austritt wurde beinahe zu einer Obsession. Doch das von ihr mit Brüssel ausgehandelte Abkommen scheiterte im Parlament. Einmal. Zweimal. Dreimal. Am Ende gab es keinen Ausweg aus der Sackgasse, in die sich die 62-Jährige zu großem Teil selbst manövriert hatte, wenn auch mit unfreundlicher Unterstützung ihrer Partei, die traditionell schonungslos mit ihren Vorsitzenden umgeht.

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