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Frankfurter Buchmesse Ehrengast Georgien steht immer irgendwie „dazwischen“ – zwischen Völkern, Religionen und Zivilisationen / Literatur spiegelt den ersehnten Aufbruch in die Moderne

Träume von Freiheit, Wachstum und Stabilität

Wirtschaftlicher Niedergang prägt das einstmals reiche Land am Schwarzen Meer, das zudem von den Unabhängigkeitsbestrebungen zweier Regionen erschüttert wird. Schriftsteller erinnern in ihren Büchern an die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden.

Sein Gang erinnert an den einer Katze. Wenn er spricht, tut er es leise, bedacht. Er macht Pausen, malt etwas auf das Blatt Papier vor sich. Holt aus, rudert zurück und legt wieder los. Auf Georgisch und Russisch, Deutsch und Englisch, Französisch, ja, das ginge natürlich auch.

Petre Mamradse vereint wohl all das in sich, was Georgien ausmacht, dieses kleine Land mit der großen Geschichte und einer großartigen Landschaft, von der Georgier behaupten, Gott habe sich damit selbst das schönste Geschenk machen wollen. Diese Neugierde, das Ausloten zwischen Ost und West, das Interesse an allem Unbekannten, die Zugewandtheit allem Fremden. Und das stetige Streben nach Freiheit. Es ist ein Leben unter schwierigen Nachbarn, die einen zuweilen bedrängen, zuweilen mit Nichtbeachtung strafen, zuweilen auch angreifen. Über Jahrhunderte hinweg und auch in jüngster Zeit.

Stabschef der Präsidenten

So ein Leben prägt, schafft Strategien, mit solchen Nachbarn umzugehen. Mit Präsidenten an der Spitze, die Veränderungen anstießen und ob der Macht, die sich ihnen geboten hatte, mit der Zeit genau die Zustände schafften, die sie zerstört haben wollten. Mamradse, der Physiker, hat all diese Veränderungen mitgemacht, nah an der Seite dieser Präsidenten. Er war Stabschef unter Eduard Schewardnadse, dem einstigen sowjetischen Außenminister, als dieser nach einem Militärputsch Präsident Georgiens wurde. Er wurde es später auch unter Michail Saakaschwili, der mit seiner Rosenrevolution Schewardnadse von seinem Posten jagte. Doch auch der hitzige „Mischa“, den alle im Land so nennen, fand sein politisches Ende, weil er nach und nach ein autoritäres Regime im Land etablierte und das Volk sich vom aufstrebenden Reformer schließlich abwandte.

Einen „unverantwortlichen Diktator“ nennt ihn Mamradse heute, der Doyen der georgischen Politik, und sieht diesen „Alptraum“ mit Bidsina Iwanischwili, dem Milliardär hoch oben in den Hügeln von Tiflis, endlich überstanden. Natürlich, auch mit „Bidsina“ sei er gut bekannt, schätze die vorsichtige Art dieses schwerreichen „Jungen vom Lande“.

„Insel der Demokratie“

Georgien liegt am Schwarzen Meer, eingezwängt zwischen Russland, Aserbaidschan, Armenien und der Türkei. In dieser Region kann das Land mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern durchaus als „Insel der Demokratie“ gelten. Darauf sind die Georgier stolz. Doch die Zivilgesellschaft ist wenig ausgeprägt, die Kontrolle der Regierung ist gering, eine Mittelklasse gibt es kaum, 40 Prozent der Georgier leben unter der Armutsgrenze, 20 Prozent gar in extremer Armut. Bis zu fünf Prozent der Bevölkerung gelten als sehr wohlhabend. Auch wenn es reich an Zitrusfrüchten ist, an Tee und Wein, geht es dem Land wirtschaftlich nicht gut.

Zu Sowjetzeiten war Georgien eine der reichsten Sowjetrepubliken. Landwirtschaft und Tourismus blühten, Steinkohle, Kupfererze, Mangan wurden abgebaut. In den 1990ern folgte der wirtschaftliche Kollaps. Die Kombinate stillgelegt, Absatzmärkte weg, Bürgerkriege in den abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien. Der russisch-georgische Krieg vor zehn Jahren prägte ebenfalls das Selbstverständnis der Georgier, die dadurch 20 Prozent ihres Territoriums verloren haben. Er ist es auch, der den georgischen Traum, der EU und der Nato beizutreten, zunichte macht. Ungelöste Konflikte reichen aus, damit die Bündnismitglieder die Aufnahme aus formalen Gründen ablehnen. „Es gibt kein Fortkommen in diesem Territorialkonflikt“, sagt Mamradse und wünscht sich, wie so viele im Land, dass die wenigen Fäden nach Abchasien und Südossetien, die es noch gibt, nicht reißen.

Der verdrängte Konflikt reicht in die sowjetischen Zeiten hinein, in Zeiten von Stalins Nationalitätenpolitik. Mit Stalin, dem Georgier, tun sich die Georgier noch heute schwer. Es gibt nicht einmal eine Handvoll Wissenschaftler, die sich dem Thema Stalinismus im Land widmen. Die Erforschung des sowjetischen Georgiens aber sei nötig, sagt David Dschischkariani, einer dieser Wissenschaftler, um das Georgien der Gegenwart zu verstehen. Im Okkupationsmuseum in Tiflis spiegelt sich der offizielle Kurs der Vergangenheitsbewältigung wider. Hier stimmen zwar die Fakten, doch wirken sie aus dem Kontext gerissen, als wäre das Übel von außen über das Land hereingebrochen. Kein Wort von Georgiern als Täter.

Weg Richtung Europa

Es ist ein Geschichtsbild, das die Sowjetzeit verdammt und typisch ist für ehemalige Sowjetrepubliken, die ihre nationale Identität über den Opferstatus definieren und vor allem stalinistische Politik an der eigenen Volksgruppe thematisieren.

Dschischkariani und seinen Kollegen geht es aber um mehr. Es geht ums „Reden, Ergründen und Begreifen. Sich der eigenen Vergangenheit stellen, um den Weg nach Europa freizumachen.“ Dorthin, wo die Georgier Freiheit, Wachstum und Stabilität sehen. Das, was sie sich für ihr Land wünschen, trotz schwieriger Vergangenheit und Gegenwart.

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