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Russland-Affäre Amerikaner mit Wurzeln in der Ukraine, Usbekistan oder Georgien sind gespalten bei der Frage, ob der Kreml die Wahl beeinflusst haben könnte

"Trump schafft mehr, als andere versprechen"

Zuwanderer aus ehemaligen Sowjetrepubliken sind begeistert vom US-Präsidenten - dabei verkörpert er Werte eines Systems, vor dem sie einst geflohen sind. Eine Spurensuche in Philadelphia.

Die schmalen Glastüren zum Petrovsky Market wirken wie Tore zu einer anderen Welt. Draußen amerikanisches Vorstadtidyll mit akkurat gestutztem Rasen vor niedrigen Einfamilienhäusern. Drinnen Kaviar aus Russland, Torten aus der Ukraine, salziges Mineralwasser aus Georgien, rundes Fladenbrot aus Usbekistan.

Willkommen an der Bustleton Avenue, im Nordosten Philadelphias, wo das russische Leben in den Vereinigten Staaten besonders sichtbar ist. Es ist die Adresse für alle in Amerika, die einst aus dem Osten kamen, um ihr Glück im Westen zu finden, und die sich trotzdem nach einem Stück alter Heimat sehnen.

Die Menschen stammen keineswegs allein aus Russland, sondern ebenso aus der Ukraine, Moldau, Georgien und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Sie verbindet das historische Erbe und die gemeinsame Sprache. In Philadelphia stellt die russischsprachige Gemeinde in einigen Bezirken bis zu einem Drittel der Bevölkerung. Mehr als vier Millionen Amerikaner haben familiäre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion.

Ungebrochener Rückhalt

Seitdem Donald Trump regiert, rücken diese Zuwanderer in den Fokus. Erst vor ein paar Tagen geriet die Russlandaffäre erneut ins Rampenlicht: Trumps früherer Wahlkampfmanager Paul Manafort wurde durch Sonderermittler Robert Mueller angeklagt. Was denken Zuwanderer über die Vorwürfe, über die angeblichen Verstrickungen zwischen Trump und Präsident Wladimir Putin? Glauben sie, dass sich der Kreml in die Wahl in den USA eingemischt hat? An der Bustleton Avenue zumindest, haben viele Trump gewählt und halten ihm nun weiter die Treue, auch wenn die Zustimmung im Land sinkt. Selbst wenn es um den Umgang mit Immigranten im Land geht, stehen viele hinter dem Präsidenten.

Andrej Voloshin ist in den Petrovsky Market gekommen, um zwischen den Theken mit geräuchertem Fisch und Schaschlikspießen ein paar schnelle Einkäufe zu erledigen. Der 35-Jährige mit rundlichem Gesicht und Zahnlücke ist vor zehn Jahren aus Kiew nach Philadelphia ausgewandert. Heute betreibt er ein Fliesengeschäft für Bäder und Küchen, gleich neben dem Supermarkt. Seinen richtigen Namen möchte er nicht verraten, wie so viele hier, sofern sie überhaupt bereit sind, Auskunft zu geben. An der Bustleton Avenue bleibt man gerne unter sich, das gilt nicht nur für die russische Gemeinde. Kurz vor Philadelphias Stadtgrenze sind die USA eher ein Mosaik als ein Schmelztiegel.

Enge Beziehungen kaum möglich

"Trump ist nicht gut für Amerika", findet Voloshin - anders als viele andere hier. "Der sagt einmal dies, einmal das." Der junge Geschäftsmann erwartet in den kommenden Jahren keine Fortschritte für sein Land. Gleichzeitig fürchtet er sich vor einer zu großen Nähe zwischen Trump und Putin, selbst wenn sich deren Verhältnis weniger freundschaftlich entwickelt hat, als viele erwartet hatten. Zuletzt hatte der Kongress mit den jüngsten Sanktionen gegen Russland Trumps Spielraum für engere Beziehungen zwischen Washington und Moskau dramatisch eingeschränkt.

Voloshin ist sicher, dass der Kreml hinter dem Hackerangriff auf E-Mails der Demokraten und angeblichen weiteren Cyberattacken zur Wahlbeeinflussung stecken muss. "Putin wollte Veränderungen in der US-Politik herbeiführen, um seine Macht zu vergrößern." Eine Meinung, mit der Igor rund um den Petrovsky Market eher die Ausnahme ist.

Sicher, die Amerikaner aus dem ehemaligen Ostblock sind in Sachen Trump und der Russland-Affäre zwar gespalten wie der Rest des Landes: Die Jüngeren sind meist liberaler, die Älteren oft konservativer. Risse führen mitten durch Familien, die am Esstisch das Thema Politik inzwischen lieber aussparen. Entlang der Bustleton Avenue aber scheinen die Verhältnisse eher klar verteilt. Die Sympathien der russischsprachigen Amerikaner liegen in der Mehrheit bei den Republikanern. Die Demokraten setzen viele gleich mit Sozialisten, vor denen die Einwanderer zu Sowjetzeiten geflohen sind.

Nur ein paar Schritte vom Petrovsky Market entfernt, im Hinterraum eines Parfümgeschäfts, sitzt Gary Vulakh (kleines Bild rechts). Breiter grauer Schnauzbart, kurzrasierter Haarkranz. Auch er kam aus Kiew nach Philadelphia, allerdings schon vor fast 40 Jahren, als Moskau den Eisernen Vorhang für Juden in der Sowjetunion ein wenig anhob. Vulakh betreibt heute eine winzige Werkstatt, in der er Schmuck repariert. Dass Russland auch nur irgendeinen Einfluss auf die Wahl in seinem Land genommen hat, glaubt er nicht. "Könnten die so etwas überhaupt?", fragt er ungläubig.

Vulakh, ein höflicher 57-Jähriger, unterstützt den amerikanischen Präsidenten voll und ganz. Gewählt hat er ihn zwar nicht, weil er nicht glaubte, dass seine Stimme einen Unterschied mache, aber er hat sich "gefreut, dass Trump gewonnen hat". Für den Amtsvorgänger hat Vulakh weniger übrig. Die Demokraten würden die USA bestehlen, klagt er. Er meint vor allem die unnötigen Staatsausgaben wie etwa den in seinen Augen zu großen Mitarbeiterstab Michelle Obamas. Trump hingegen habe sein eigenes Vermögen und gebe nicht das Geld der Steuerzahler aus.

Amtszeit dauert noch lange

"Die Demokraten haben Angst, dass Trump zu mächtig ist", lautet Vulakhs Erklärung für die Anschuldigungen. Er versteht nicht, "wie man gegen Trump sein kann". Dessen Amtszeit habe doch gerade erst begonnen: "Zehn Monate sind seit der Wahl vergangen, und er versucht, seinen Job zu machen. Doch die ganze Zeit wird nur über Russland geredet."

"Trump will das Beste für das Land", glaubt auch Malvina Yakobi (kleines Bild links), die aus der georgischen Hauptstadt Tiflis nach Amerika kam. Gemeinsam mit Olga Ratnovsky (zweites Bild von rechts), in Moskau geboren, hat sie vor über 20 Jahren die Zeitung "Philadelphia News" gegründet. Das Blatt ist so etwas wie das Zentralorgan der russischsprachigen Gemeinde vor Ort. Ihre kleine Redaktion befindet sich in einem schmucklosen Bürobungalow an einer breiten Ausfallstraße, gleich hinter der Stadtgrenze.

Kritik an Barack Obama

"Viele Amerikaner fühlten sich von der Politik vergessen, viele sind von Barack Obama enttäuscht", erklärt Yakobi, wieso so viele hier Trump unterstützen. Auch, wenn dessen Politik zum Teil eher an die Nachfolgestaaten der Sowjetunion erinnere als an das bekannte Demokratieverständnis der USA - vom Umgang mit den Medien bis hin zum Nepotismus.

Die Vorgängerregierung sei korrumpiert gewesen, sagt die 57-Jährige mit den blonden Haaren und der dick umrandeten Brille. Die Berichterstattung der Mainstream-Medien erinnere sie aufgrund der einseitigen Sichtweise an die Propaganda, die sie nur zu gut aus der Sowjetunion kenne. "Wir lieben die USA", sagt Yakobi, "sie geben uns die Möglichkeit, frei zu sein."

In der Russlandaffäre werde eine Schuld bei Trump nur vermutet, und nun versuche man, einen Beweis zu finden. Die Anschuldigungen nennt Diane Glikman (zweites Bild von links) "allesamt ein Witz". Glikman, 45 Jahre alt, schwarzes Haar, weiße Bluse, kam mit fünf Jahren aus Kiew in die USA. Sie moderiert eine russischsprachige Sendung im Internet, für die sie mit den Zeitungskolleginnen zusammenarbeitet. "Es gibt nur Gerüchte und keine Beweise", sagt sie. All die angeblichen Verstrickungen Russlands ließen Putin als "den Größten der Welt" erscheinen, findet Yakobi. "Dabei ist er nicht so mächtig, wie ihn die Medien darstellen." Sie kann sich nicht vorstellen, dass Russland die Wahl beeinflusst haben könnte, vielmehr handele es sich um ein Ablenkungsmanöver der Demokraten und der Medien, an dessen Ende Trumps Amtsenthebung stehen solle.

Wunsch nach mehr Kontrolle

Auch sie verlangt, dass man dem Präsidenten und seiner Politik zunächst eine Chance geben müsse - auch in der Zuwanderungsfrage. "Wir haben fünf, sechs Jahre gewartet, bis wir die Staatsbürgerschaft bekommen haben", erklärt Glikman, weswegen sie heute selbst für strengere Kontrollen und Gesetze ist, ganz in Trumps Sinne.

Die drei Kolleginnen haben bei der Wahl für Trump gestimmt. Er passe vielleicht nicht optimal ins Weiße Haus, aber Trump wisse, was die Menschen im Land wollten. Ihr ist ein Geschäftsmann als Präsident lieber als viele andere Politiker. Trump habe bereits "mehr geschafft, als andere Politiker versprochen haben", sagt sie mit Blick auf die Staatsschulden und Arbeitslosenzahlen seit Amtsantritt. Soweit Glikman.

So manifestiert sich, dass es vielen eigentlich mehr um die Vorstellungen und Werte geht, die Trump verkörpert, als um Trump selbst. Die Jüngeren aus der Zuwanderergeneration sagen gerne: Viele der Älteren hätten ein Stück der Sowjetunion mit in die USA gebracht. Sie meinen den Wunsch der Menschen nach einem starken Anführer. Die Bewunderung für einen, der es in den USA zu etwas gebracht hat. Für sie ist Trump die Personifizierung ihrer konservativen Ideale.

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