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Umdenken steht noch am Anfang

Archivartikel

Gehirnerschütterungen und ihre Auswirkungen – vor allem im American Football ist dieses sensible Thema in den Mittelpunkt gerückt, seit in den vergangenen Jahren der Begriff „Dementia pugilistica“ (Chronisch-traumatische Enzephalopathie) die Runde machte: Dieses Boxer-Syndrom beschreibt irreparable Hirnschäden infolge häufiger und heftiger Schläge gegen den Kopf.

Der Sportart, in der die Spieler keine Schwäche zeigen dürfen, als unverwundbar gelten, fällt der Umgang damit schwer. Allerdings bleibt der National Football League (NFL) keine andere Wahl, seit mehrere Tausend Profis die Liga wegen der bestätigten Folgeschäden nach Gehirnerschütterungen verklagten und sich mehrere Football-Profis sogar das Leben nahmen. Einer von ihnen hat sich gezielt ins Herz geschossen und im Abschiedsbrief darum gebeten, dass sein Gehirn obduziert wird, um zu beweisen, welche Auswirkungen Football hat.

Reglementiertes Verfahren

In der NFL hat ein Umdenken eingesetzt, das vielen aber nicht weit genug geht. So wurde beispielsweise das Verfahren nach einer erkannten Kopfverletzung reglementiert. Hat ein Spieler einen Schlag auf den Kopf abbekommen oder zeigt Gleichgewichtsstörungen, werden die Untersuchungen vor Ort nicht nur von einem Teamarzt, sondern auch von einem unabhängigen Arzt vorgenommen. So soll vermieden werden, dass der Club den sportlichen Erfolg über die Gesundheit seiner Spieler stellt. Außerdem wurde verboten, mit dem eigenen Helm den Helm des Gegners zu attackieren.

Viel hat dies nicht gebracht – im Gegenteil. Im Januar konstatierte die NFL einen Negativrekord. 281 Gehirnerschütterungen wurden dokumentiert, die bisherige Höchstmarke (275) stammte aus der Saison 2015/16. Erstmals hatte die Profiliga 2012/13 Zahlen herausgegeben. Diese sind zudem mit Vorsicht zu genießen, da in diese Bilanz nur die Fälle eingerechnet sind, die von den Clubs offiziell gemeldet wurden. Es wird eine hohe Dunkelziffer vermutet.

Der bekannteste Fall in der Deutschen Eishockey Liga ist der von Stefan Ustorf. Der langjährige Nationalspieler, der von 2001 bis 2003 das Trikot der Mannheimer Adler trug, musste seine Karriere vorzeitig beenden. Im Spiel gegen Hannover schlug er am 6. Dezember 2011 nach einem Check mit dem Kopf auf dem Eis auf und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. In den Jahren danach arbeitete er an seiner Rückkehr – ohne Erfolg.

In emotionalen Worten schilderte Ustorf seinen Gesundheitszustand. Teilweise habe er nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen können: „Ich spüre, wie nach und nach mein Körper auseinanderfällt.“ Ustorf, der heute für den DEL-Club Eisbären Berlin arbeitet, fiel zum Beispiel das Lesen schwer, weil sich in seinem Kopf alles zu drehen begann. cr

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