Welt und Wissen

Region Auch in Mannheim und Heidelberg wird der Streikaufruf gegen die Putschisten befolgt / Parteien, Verwaltung und Polizei bekennen sich zur verfassungsmäßigen Regierung

„Verbrechen am Reiche und am Wohle des Volkes“

Archivartikel

Es ist kein Zufall, dass die legitime Reichsregierung während des Kapp-Putsches nach Stuttgart flieht. Der deutsche Südwesten ist eine feste Bank der Demokraten. Das zeigen exemplarisch die örtlichen Vorkommnisse in den badischen Großstädten Mannheim und Heidelberg.

In Mannheim führt der Berliner Streikaufruf zu sofortigen Reaktionen. In Großbetrieben kommt es zu Arbeitsniederlegungen und Kundgebungen. Die Stadtverwaltung unter dem parteilosen Oberbürgermeister Theodor Kutzer und das Polizeipräsidium erklären, zur verfassungsmäßigen Regierung zu stehen. Dem Generalstreik schließen sich nicht nur große Firmen, sondern auch zahlreiche kleine Läden an.

Als der Putsch niedergeschlagen ist, wird ein Mannheimer Abgeordneter zum Kanzler ernannt: Hermann Müller. Die folgende Reichstagswahl bringt aber auch im roten Mannheim ein Desaster für die Anhänger der Republik: Die SPD stürzt von 56 auf 30 Prozent, die DDP verliert zwei Drittel ihrer Wähler und erhält nur noch 9 Prozent – so viel wie die erstarkten Deutschnationalen.

Sogar in dem ausgesprochen bürgerlichen Heidelberg regt sich Widerstand. Gemäß einem Aufruf der drei Regierungsparteien kommt es am Sonntag, 14. März, 12 Uhr, zur „Kundgebung der Bürgerschaft Heidelbergs gegen den Putsch der Herren Kapp und Genossen“, wie die „Heidelberger Neueste Nachrichten“ am Tag danach formulieren.

Heidelberger rückt auf

Vom Balkon des Rathauses aus wendet sich der SPD-Abgeordnete Christian Stock gegen jene, „die wieder wie früher regieren wollen“. Er schließt mit den Worten „Es lebe die Deutsche Republik!“ Nach Ende des Putsches wird er übrigens von Ebert zum Unterstaatssekretär im Reichswehrministerium ernannt und 1946 – nach KZ-Haft – erster frei gewählter Ministerpräsident Hessens.

Zurück zur Kundgebung. An deren Ende wird eine Erklärung verlesen: „Die Bürgerschaft Heidelbergs spricht den festen Entschluss aus, die bestehende Ordnung zu erhalten und den Umsturz, der ein Verbrechen am Reiche und am Wohle des Volkes ist, mit allen Mitteln zu bekämpfen. In dieser Gesinnung stellt sie sich hinter die gesetzmäßige Regierung des Reiches.“ „In aller Ruhe und Ordnung löste sich die Versammlung auf“, so die Zeitung.

Am 15. März, 17 Uhr, kommt es in der Reithalle am Marstall zur Versammlung der Bürgerwehr. Vertreter der Arbeiterschaft erklären ihren Beitritt, um deren demokratische Ausrichtung zu garantieren. Doch bald darauf ist der Putsch zu Ende.

Zum Thema