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Gesellschaft Geograf Christophe Guilluy befasst sich in seinen Büchern mit dem Auseinanderfallen der französischen Bevölkerung auseinander

Verlassene Dörfer, lebendige Metropolen

Archivartikel

Paris.Die Zeit der Widerständler sei keineswegs vorbei, warnt der französische Geograf Christophe Guilluy: „Wir werden sie noch 100 Jahre lang haben.“ Denn die Ursachen des Problems liegen ihm zufolge tief. Beschrieben hat er sie bereits 2014 in seinem Buch „Das periphere Frankreich. Wie wir unsere Arbeiterklasse opfern“. Guilluy analysierte darin die zunehmende Entfremdung der Eliten aus Politik und Wirtschaft von der unteren Mittelschicht.

Demnach wächst die Kluft zwischen den Globalisierungsgewinnern und -verlierern, zwischen den Bewohnern der dynamischen Metropolregionen und jenen der entlegenen Orte, die wirtschaftlich und damit auch politisch, sozial und kulturell ausgegrenzt werden. Hier schließen Schulen, Krankenhäuser, öffentliche Dienste und Fabriken, was zu Massenarbeitslosigkeit und Armut führt – denn alternative Jobs gibt es kaum. Ein Umzug ist keine Option für jene, die in ihren eigenen, aber relativ wertlosen Häusern auf dem Land wohnen.

In der Tat: Wer durch Frankreichs Dörfer fährt, begegnet oft keiner Menschenseele, sieht geschlossene Geschäfte und Fensterläden. Die Zentren kleiner Städte veröden. Den Sockel einer Gesellschaft derart auszuhöhlen, sei gefährlich, warnt Guilluy. Der 55-Jährige gilt als untypischer Forscher. Anders als die meisten französischen Intellektuellen, die die öffentlichen Debatten bestimmen, kommt er nicht aus einem großbürgerlichen Milieu, sondern aus dem Pariser Vorort Montreuil, der heute angesagt ist, aber lange als verrufen galt. So erscheint Guilluy als legitimer Fürsprecher der Ausgegrenzten, der nicht nur den aufkommenden Protest kommen sah, sondern auch die Erosion des politischen Systems und den Niedergang der einstigen Volksparteien.

Anstelle des Zweikampfs zwischen Sozialisten und Republikanern haben sich zwei neue Gegenpole gebildet, repräsentiert von Macron auf der einen und der Rechtspopulistin Marine Le Pen auf der anderen Seite: Hier das „Frankreich der Metropolen“, das liberal denkt und für grenzenlose Mobilität eintritt – dort das „periphere Frankreich“, das auf Protektionismus und den Erhalt eines starken Staates setzt. Dessen Vertreter seien die „Gelbwesten“, so Guilluy: Arbeiter, Angestellte oder kleine Selbstständige, die den sozialen Abstieg fürchten.

Inzwischen veröffentlichte Guilluy ein weiteres Buch zum Thema mit dem englischen Titel „No Society“ („Keine Gesellschaft“) nach einem Ausspruch der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Seine These: Eine Gesellschaft, die ihre untere Mittelschicht an die Ränder drängt, zerbricht. „Die ,Gelbwesten‘ wollen wirtschaftlich integriert sein“, so Guilluy. „Sie wollen Arbeit, ein iPhone und ein Netflix-Abo.“ Um gehört und gesehen zu werden, drängten sie von der Peripherie in die Metropolen, vor allem nach Paris.