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Interview Neurologe Oliver Lanczik schildert, welche medizinischen Tests absolviert werden müssen, um nach einer Auszeit wieder spielen zu dürfen

„Vermutlich gibt es eine hohe Dunkelziffer“

Archivartikel

Mannheim.In den Profiligen ist festgelegt, welche Punkte ein Sportler abhaken muss, um nach einer Gehirnerschütterung wieder spielen zu dürfen. Neurologe Oliver Lanczik erklärt, wie dieses Protokoll bei den Mannheimer Adlern aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) abläuft.

Herr Lanczik, wie geht die DEL mit Kopfverletzungen um?

Oliver Lanczik: Das Thema Gehirnerschütterungen hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Bei Kontaktsportarten wie Eishockey sind etwa 5 bis 15 Prozent aller Verletzungen Kopfverletzungen. Vermutlich gibt es jedoch eine hohe Dunkelziffer. Am größten ist das Risiko beim American Football, aber auch im Fußball gibt es Gehirnerschütterungen. In den USA ist es üblich, dass die Proficlubs Neurologen an Bord haben. In der DEL ist das jedem Verein selbst überlassen.

Was gilt es zu beachten?

Lanczik: Drei Schweregrade sind zu unterscheiden: Es gibt leichte, mittelschwere und schwere Schädel-Hirn-Traumata. Die Einteilung erfolgt durch eine klinische Untersuchung mithilfe einer Skala. Verschiedene Punkte werden abgehakt, nach denen beim Patienten eventuell eine Computertomographie oder eine Magnetresonanztomographie veranlasst wird. 90 Prozent der Gehirnerschütterungen aus dem Bereich des Sports zählen zur Kategorie der leichten Schädel-Hirn-Traumata.

Wie läuft es ab, wenn eine Kopfverletzung erkannt wird?

Lanczik: So eine Verletzung ist nicht immer leicht zu bestimmen, da das Gehirn das komplexeste Organ des Körpers ist und Symptome entsprechend vielfältig sein können und teilweise erst mit Verzögerung auftreten. Wird ein Eishockey-Spieler gegen den Kopf gecheckt und bleibt auf dem Eis liegen, stellen ihm Mitglieder des medizinischen Teams einfache Fragen, die ein unbeeinträchtigter Spieler beantworten können muss. Zusätzlich werden Merkfähigkeitstests sowie Koordinations- und Balancetests durchgeführt. Sobald der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung besteht, wird der Spieler sofort aus dem Spiel genommen.

Was passiert danach?

Lanczik: In Tests werden Daten erhoben, die wir mit den Werten vergleichen, die wir beim Medizincheck vor der Saison gewonnen haben. Bestätigt sich beim Abgleich der Daten der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung, wird ein „Return to Play“-Protokoll gestartet.

Wie funktioniert dieses?

Lanczik: Es besteht aus sechs Phasen, die jeweils mindestens 24 Stunden andauern. Bei der Ruhephase wird das Gehirn heruntergefahren, eine sportliche Belastung ist verboten. Ist der Sportler beschwerdefrei, wird die Intensität nach jeder Phase gesteigert. Treten nach der letzten Belastungsstufe keine Beschwerden auf, erfolgt die Spielfreigabe.

Gibt es eine Faustregel, nach wie vielen erlittenen Gehirnerschütterungen ein Sportler seine Karriere beenden sollte?

Lanczik: Nein. Es gibt aber Hinweise, dass viele – insbesondere schwerwiegende – Gehirnerschütterungen zu Spätfolgen führen können. Die Datenlage ist uneinheitlich, die wissenschaftliche Diskussion hierüber lebhaft. Meine Aufgabe ist es, die Fakten neutral zu schildern, die Risiken zu besprechen und dort, wo möglich, Angst zu nehmen. Letztlich liegt die Entscheidung beim Spieler selbst. Die Zeiten sind jedenfalls vorbei, in denen es bei einer Kopfverletzung hieß: „Steh auf, schüttle dich kurz – und dann geht’s weiter.“

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