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Digitalisierung Regierung und Hasso-Plattner-Institut basteln an einer Bildungsplattform / Bundesländer entwickeln zum Teil eigene Projekte – im Fall von Baden-Württemberg bisher erfolglos

Viele Hürden auf dem Weg zur „Schul-Wolke“

Archivartikel

Die Bildungs-Cloud soll den Unterricht modernisieren und Lehrern Arbeit abnehmen. Doch an vielen Schulen reicht die technische Ausstattung dafür noch nicht aus.

Vor Kurzem haben die Schüler der Klasse 7e am Gauß-Gymnasium in Worms eigene Werbeclips gedreht. In Gruppen schrieben sie zuerst ein Konzept, filmten, schnitten und vertonten dann ihr Video – und luden es schließlich in die Schul-Cloud hoch. Dort hat Musik-Lehrer Martin Albrecht jetzt nicht nur einen Überblick, welche Gruppen ihren Clip schon abgegeben haben. Er hat den Schülern auch ein paar Sätze zur Bewertung geschrieben: sehr guter Aufbau, gute Umsetzung.

Seit einem Jahr ist das Gymnasium eine der bundesweit 26 Pilotschulen, die diese „Daten-Wolke“ einsetzen: Lehrer wie Schüler können sich dort einloggen, Übungen machen, zeitgleich an einem Text arbeiten, Videos anschauen, Dateien ablegen, miteinander und sogar mit anderen Schulen kommunizieren. Vom Klassenraum, aber auch von zu Hause aus. Das soll den Unterricht digitaler machen und Lehrer entlasten: Das Hasso-Plattner-Institut (HPI), eine privatfinanzierte Fakultät der Universität Potsdam, hat die Schul-Cloud entwickelt, kümmert sich um die Software und erweitert die Angebote in Zusammenarbeit mit den Nutzern. Lehrer müssen sich weniger mit Software-Lizenzen und der Wartung der Schulrechner herumschlagen. Denn die Daten werden in der Cloud hinterlegt, nicht auf einem Schulrechner.

„Der Vorteil ist, dass man in der Cloud Sachen speichern kann“, sagt Siebtklässler Levin Yildiz. „Und wenn man eine Aufgabe vergessen hat, kann man sie da noch einmal nachlesen.“ Seine Klasse testet die Schul-Cloud seit einem Jahr: Genau wie die meisten anderen Pilotschulen startet der Versuch am Gauß-Gymnasium im kleinen Kreis.

Um die Cloud zu demonstrieren, fahren Levin und seine Mitschülerin Sophie Talavera in einem Computerraum einen Rechner hoch. Dabei wird deutlich, auf welche Hürden die Umsetzung noch trifft: Es dauert ein paar Minuten, bis der PC geladen hat und die Schüler sich in der Cloud anmelden können. An den meisten deutschen Schulen ist die Infrastruktur nicht dafür ausgelegt, dass gleichzeitig mehrere Klassen ins Netz gehen. Manche Pilotschulen haben von ihrem Träger einen 250-Megabit-Internetanschluss bekommen. Am Gauß-Gymnasium aber gibt es immer wieder Probleme mit der Verbindung. Direktor Gerrit Mennecke lässt demnächst das Schulnetz erneuern. „Wir haben noch keine Abdeckung im ganzen Haus. Aber wenn ich kein funktionsfähiges Internet habe, bringt das Projekt wenig“, sagt der Schulleiter. Auch in Worms herrscht an vielen Schulen Sanierungsstau. „Wir sind auf den Schulträger angewiesen, aber das Geld ist eigentlich nicht da.“

Dieses Problem kennt auch Christoph Meinel, der Leiter des Hasso-Plattner-Instituts. „Wenn Lehrer Schwierigkeiten haben, digitale Lerninhalte in den Unterricht einzubauen, liegt das häufig an der fehlenden oder langsamen Breitband-Internetanbindung und an der unzureichenden IT-Ausstattung“, sagt er. „Die ist in Deutschland noch ein Stück weit eine Katastrophe.“

Die meisten Pilotschulen nutzen die Plattform über die Rechner in ihren Computerräumen. Einfacher wäre es, wenn Schüler und Lehrer ihre eigenen Smartphones oder Tablet-Computer nutzen könnten. Doch viele Schulen verbieten derzeit noch den Handygebrauch im Unterricht. Weitere Fragen gelten als unbeantwortet: Dürfen und sollen Lehrer die Cloud auch nutzen, um sensible Daten wie Noten zu hinterlegen? Unter welchen Bedingungen können Lehrer oder Schüler eigene Ideen und Materialien einstellen und mit anderen Schulen austauschen? Wer einfach Schulbuchseiten einscannt und hochlädt, kommt mit dem Urheberrecht in Konflikt.

Schulbuchverlage arbeiten mit dem HPI zusammen. Ralf Halfbrodt, Geschäftsführer der Verlagsgruppe Westermann, begrüßt die Entwicklung von Online-Plattformen grundsätzlich – weist auf offene Fragen hin: „Beim Bearbeiten interaktiver Aufgaben entstehen beispielsweise Schülerprofile. Es muss gewährleistet sein, dass Schülerdaten innerhalb der Cloud gesichert sind und der rechtliche Rahmen für die Verarbeitung dieser Daten klar geregelt ist.“ Zu klären sei auch noch, wie die Lizenzen für die Nutzung von Unterrichtsmaterialien über die Plattform aussehen könnten.

Bisher ist die Arbeit mit der Cloud für die Pilotschulen kostenlos. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt bis Mitte 2021 mit knapp acht Millionen Euro. Partner ist neben dem HPI auch MINT-EC, ein bundesweites Netzwerk von Schulen mit technisch-naturwissenschaftlichem Profil. 40 weitere Schulen werden gerade an die Cloud angeschlossen. Schritt für Schritt sollen alle rund 300 MINT-EC-Schulen hinzukommen.

Eine gemeinsame Plattform für alle deutschen Schulen scheint derzeit aber noch in weiter Ferne: Die Bundesländer treiben eigene Cloud-Projekte voran. In Bayern stellt die Plattform „mebis“ rund 44 000 digitale Materialien zur Verfügung. Rheinland-Pfalz bastelt an einem virtuellen Schulcampus.

Die Bereitschaft, ein bundesweites Angebot zu entwickeln, ist in den Kultusministerien offenbar gering. Nur Niedersachsen entwickelt seine „Bildungscloud“ in Kooperation mit der Schul-Cloud. „Es bleibt abzuwarten, ob sich die Bundesländer auf eine gemeinsame Cloud-Infrastruktur einigen“, sagt Christoph Meinel.

Im Gauß-Gymnasium fände man es gut, wenn die Politik ein Modell findet– oder die Angebote kompatibel sind. „Das ist ein Projekt mit großem Potenzial“, ist Lehrer Martin Albrecht überzeugt. Inzwischen sei es möglich, die Angebote der Schul-Cloud nach Fächern und Bundesländern zu filtern. Für Albrecht ein großer Fortschritt. Aber insgesamt, sagt auch Schulleiter Gerrit Mennecke, stehe man noch ganz am Anfang: „An der Geschichte hängen noch viele Detailprobleme.“

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