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„Vielfach höherer Schaden“

Archivartikel

Das politische Chaos in Großbritannien strahlt immer stärker auf die Wirtschaft ab. Die Industrieproduktion schrumpft, der Pfund-Kurs rutscht ab, die Unsicherheit macht belastbare Prognosen für Unternehmen so gut wie unmöglich. Ökonomen wie Friedrich Heinemann (Bild) vom Mannheimer Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung warnen vor einem ungeregelten Brexit, wie der britische Premierminister Boris Johnson ihn favorisiert.

„Kommt es zu Zöllen auf Industriegüter über Nacht, dann sind viele Lieferketten mit dem Vereinigten Königreich tot“, sagt Heinemann. Hinzu kämen viele schwer berechenbare Risiken bei der Versorgungssicherheit. Der „verantwortliche Teil“ der britischen Politiker wolle diese Risiken vermeiden.

780 Millionen Euro Hilfsgelder

Bei einem ungeregelten Brexit will die Europäische Union besonders hart getroffenen Mitgliedstaaten, Unternehmen und Arbeitnehmern mit bis zu 780 Millionen Euro helfen. Diese Summe nennen EU-Beamte. Das Geld soll aus zwei bestehenden Hilfsfonds kommen. Diesem Vorschlag müssten das Europaparlament und die Mitgliedsstaaten allerdings noch zustimmen. Die EU-Kommission veröffentlicht für Unternehmen zudem Hinweise zu künftigen Regeln, Genehmigungen und Steuern.

Grundsätzlich hält ZEW-Experte Heinemann die 780 Millionen Euro an Hilfsgeldern für einen klugen Schachzug im Poker mit London. So könne die EU sicherstellen, dass sich in den eigenen Reihen alle an die Brüsseler Linie halten – und Kernpunkte des Brexit nicht neu verhandelt werden. Der Betrag sei allerdings symbolisch, „weil der Schaden eines harten Brexit für besonders betroffene Länder wie Irland um ein Vielfaches höher liegen wird. Aber auch Symbole helfen.“

Heinemann spricht sich dafür aus, den Brexit am besten auf den „Sankt-Nimmerleins-Tag“ zu verschieben, damit die Wähler Zeit hätten, neu nachzudenken. Über jede noch so kleine Chance auf Vernunft sollte man sich freuen. „Die Versprechen von einer besseren Zeit nach einem Brexit sind nicht einlösbar.“ (Bild: zew)