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Vom Glück des Überlebens

Archivartikel

Shetaye Berhanu hat kurze Rasta-Locken, trägt Jeans und T-Shirt. Der 27-jährige Äthiopier strahlt Aufbruchstimmung aus. Bald wird er legal von Niger nach Frankreich fliegen. „Ich hatte das große Glück, diese Möglichkeit zu bekommen“, sagt er. Berhanu ist als politischer Flüchtling anerkannt und steht deshalb unter dem Schutz des UN- Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Vor elf Monaten wurde er von der UN-Organisation aus einem Internierungslager in Libyen nach Niger evakuiert. Weil die Lebensbedingungen in den libyschen Lagern unmenschlich sind, bemüht sich das UN-Flüchtlingshilfswerk darum, möglichst viele Menschen von dort zu befreien. Die meisten wurden von der libyschen Küstenwache dorthin gebracht, die wiederum von der Europäischen Union bezahlt wird, damit die Küstenwache verhindert, dass die Menschen nach Europa kommen.

6300 Ausnahmen

Ein paar Handverlesene dürfen im Rahmen eines sogenannten Resettlement-Programms, eines Rückkehrprogramms, doch nach Europa, Kanada oder in die Schweiz. Im Rahmen des Programms haben zwölf Staaten zusammen 6300 Plätze zur Verfügung gestellt. Darunter Deutschland, das 276 Überlebende aufgenommen hat.

Alessandra Morelli, die Leiterin der UNHCR-Mission in Niger, bezeichnet dieses Resettlement-Programm als Erfolg: „Ich rede jetzt nicht über Zahlen, aber das Konzept ist unglaublich positiv!“ Laut Morelli hat das UNHCR 53 000 Flüchtlinge in libyschen Internierungslagern als schutzberechtigt registriert.

Konkurrenz der Flüchtlinge

Berhanu ist froh, dass er einer der 6300 Auserwählten ist. Er erzählt seine Geschichte so: 2017 sei er vor politischer Verfolgung in Äthiopien geflohen, wollte nach Europa. Auf seinem Weg durch Libyen hätten ihn Bewaffnete gekidnappt und an das Schmugglerkartell eines gewissen Ben Walid verkauft. Von dessen Leuten sei er fünf Monate lang festgehalten und gequält worden. Erst nachdem seine Familie Lösegeld gezahlt habe, sei er freigekommen.

Wie Berhanu erzählt, wollte er anschließend immer noch nach Europa, wurde aber auf dem Mittelmeer von der libyschen Küstenwache gefangengenommen. Danach sei er wieder interniert, wieder geschlagen worden. Auch Schein-Erschießungen waren laut Berhanu an der Tagesordnung. Schließlich seien Mitarbeiter des UNHCR aufgetaucht, um Flüchtlinge für die Evakuierung zu registrieren. Um einen Platz zu ergattern, „mussten wir gegen andere Flüchtlinge kämpfen, sonst hattest du keine Chance, registriert zu werden“.

Ertrunken im Meer

Etliche von denen, mit denen Berhanu sein Schicksal in den vergangenen Monaten teilte, seien immer noch dort. „Ich danke Gott dafür, dass ich unter den glücklichen Menschen bin, die nun hier sind“, sagt Berhanu.

Zu etlichen seiner ehemaligen Leidensgenossen habe er den Kontakt verloren. „Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist. Und manche sind im Meer ertrunken.“

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