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Kaukasus Die Intellektuellen des Schwarzmeeranrainers kämpfen um das tägliche Überleben / Staat fördert die Kunst, betreibt aber keine klare Kulturpolitik

Wenig Geld – dabei stets Russland im Rücken

Otar Iosseliani war ein eigensinniger Mann. Musiker und Dirigent, Matrose und Metallarbeiter. Vor allem aber war er ein unbequemer Regisseur. Mehrmals hatte die sowjetische Zensur seine Filme – oft geht es dabei um das einfache Leben in Georgien – verboten. Iosseliani war gezwungen, die Sowjetunion, sein geliebtes Georgien zu verlassen, er emigrierte nach Frankreich. Seine Filme aber laufen bis heute in den Hinterhöfen von Tiflis. Da baut jemand einen Projektor auf einen alten Lada auf, stellt selbstgemachten Wein und den georgischen Suluguni-Käse dazu – fertig ist das improvisierte Kino, mit Diskussionen über Probleme von damals und heute. Auch wenn dabei nur zwölf Leute mitmachen.

Georgien begreift sich seit jeher als Kulturland. „Grundsätzlich ist unser Staat bestrebt, in die Kultur zu investieren“, sagt Lascha Bakradse, Germanist und Leiter des Giorgi-Leonidse-Literaturmuseums in Tiflis. Doch eine vorausschauende Kulturpolitik gebe es nicht. Das hat mit der Geschichte des Landes zu tun – vor allem aber mit der wirtschaftlichen Situation in Georgien.

Zu Sowjetzeiten bestand eine Art Nationalitäten-Kulturindustrie. Der Plan legte fest, wie viele Werke gemalt werden, wie viele Bücher entstehen, wie viele Filme die jeweiligen Republiken produzieren müssen, meist in der Sprache dieser Republiken. Georgien fiel gerade in der Filmindustrie schnell durch Werke mit einer besonderen Filmsprache auf, auch mit vielen kritischen Untertönen. Die Filmemacher setzten oft auf kräftige poetische Bilder und übersteigerten die Geschichten bis hin zur surrealen Groteske. Auch heute noch ist es gerade die Wort- und Bildgewalt, die in georgischen Werken auffällt.

Fehlende Foren

Viele Künstler kämpfen mit dem täglichen Überleben. Zudem fehlten gerade den schreibenden Künstlern Räume für intellektuellen Austausch. „Die Diskussionen finden lediglich im Internet statt, da es keine ernstzunehmenden Zeitungen und Magazine gibt. Bei Facebook aber entsteht eine imaginäre Welt, und Podien, wo gesellschaftlich relevante Debatten ausgetragen werden, gibt es nicht“, sagt Lascha Bakradse.

Zu diskutieren gibt es nicht nur in der Politik vor allem einiges über den Konflikt mit Russland. Er schwebt über allem. Die Kontakte zu Künstlern in Abchasien und Südossetien sind abgebrochen, trotz ernsthafter Bemühungen einiger georgischer Politiker sind manche Treffen unmöglich. Auch Bakradse erhält meist Absagen, wenn er Künstler aus den abtrünnigen Provinzen zu Ausstellungen in seinem Museum einlädt.

Der permanente Kampf gegen Russland findet sich auch in den Werken, die im Zuge der Frankfurter Buchmesse übersetzt worden sind. „Dass Georgien in diese Messe so viel investiert, ist einmalig für unsere Literaturszene. Wir werden sehen, was nach diesen Tagen bleibt.“

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