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Lernen Strenge Sanktionierung von Regelverstößen soll jungen Menschen Halt und Führung geben / Schulleiter schreibt Brief an die Eltern – niemand antwortet

Wer zu spät kommt, muss draußen bleiben

Weil Zuspätkommer immer wieder störten, hat ein Rektor in Dortmund zu einem drastischen Mittel gegriffen: Aus- sperrung. Niemand protestierte, und fast alle Schüler schaffen den Abschluss.

Zum Glück steht an der Hauptschule dran, dass sie eine Hauptschule ist. Sonst könnte man das Gebäude auch für einen Knast halten. Mächtig vergittert ist das Haupttor, genauso der Nebeneingang. Irgendetwas soll hier nicht rein. Oder raus. Wahrscheinlich beides.

Vor gut acht Jahren kam Norbert Rempe-Thiemann als Rektor an diese Schule. Vorher war er in Oer-Erkenschwick tätig, auch an einer Hauptschule. Eine „ländliche Idylle“ sei das dort nicht gewesen. Aber das hier am Hafen im Norden von Dortmund ist doch noch einmal etwas anderes.

Hauptschulen haben eine eigene Klassifizierung, von T1, alles bestens, bis T5, eher nicht so gut. T5 ist die schlechteste Stufe. T5 bedeutet gemäß Definition, dass dort mindestens 40 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben und mindestens 20 Prozent der Schüler von Sozialleistungen leben.

Die Hauptschule am Hafen ist so gesehen eine T10. Oder eine T11. Auf jeden Fall sind Bedingungen wie die dort herrschenden im deutschen Schulsystem offenkundig nicht vorgesehen: Hier haben 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, 80 Prozent leben von Unterstützungsleistungen. Von Hartz IV die meisten. Einige, Bulgaren und Rumänen, von Kindergeld, denn Hartz IV bekommen sie in der Regel nicht.

2014 entschloss sich die Schule, das Tor nach Unterrichtsbeginn zuzumachen. Wer von da an zu spät kam, der musste warten. Bis zur nächsten Stunde. Rempe-Thiemann sagt, der Unterricht sei sonst nicht mehr machbar gewesen. Es sei „unglaublich energieabsorbierend“, wenn alle naslang nach Unterrichtsbeginn die Tür aufgehe, ein Schüler in die Klasse geschlurft komme, der Unterricht dadurch unterbrochen werde und der Lehrer erst einmal erfragen müsse, warum der Schüler zu spät gekommen ist.

Also wurde das Tor geschlossen, und in den Tagen und Wochen danach standen dann regelmäßig 30 bis 40 Schüler vor dem Tor. Das sei inzwischen aber besser geworden. Am vergangenen Dienstag standen um 8.25 Uhr 13 Schüler vor dem Tor.

Aber auch wenn das jetzt besser geworden ist, so ist es eben immer noch nicht gut. Am 13. September setzte der Schulleiter daher einen Brief auf. „Regelmodifikation“ stand oben, quasi in der Betreffzeile. Er richtete sich an die Erziehungsberechtigten der Schüler der Jahrgangsstufe Acht. Es war von „sehr nachlässigem Umgang mit den Regeln unserer Schule“ in dem Brief die Rede. Und von „besonderen Maßnahmen“, mit denen ab sofort gegengesteuert werde.

Suspendierung lautete die Kernbotschaft. Und suspendiert wird seitdem, wenn Kinder zu Unterrichtsbeginn zu spät kommen. Suspendiert wird, wenn Schüler ihren Turnbeutel vergessen haben. Und suspendiert wird auch, wenn Schüler erkennbar keine Lust auf den Unterricht haben. Sie werden dann einmal gefragt, ob sie ab jetzt mitmachen wollen oder nicht. Wenn sie das nicht machen wollen, werden sie suspendiert. Immer für einen Tag. Was gemäß dem Schulministerium Nordrhein-Westfalens rechtlich legitim ist. Einen Tag bis zu zwei Wochen kann dort ein Schüler von einem Schulleiter von der Schule ausgeschlossen werden. So ein Ausschluss heißt formaljuristisch „Ordnungsmaßnahme“, ein Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung. Es gibt hier aber auch keinen Widerspruch.

Wenn man mit Rempe-Thiemann in seinem Zimmer spricht, hat man vor sich einen verhältnismäßig sanften Mann, der besonnen in seiner Wortwahl ist. Der eine modische Brille trägt, an dessen Wänden großflächige Fotos hängen und in dessen Pädagogik-Kanon das Soziale weit oben steht. Und dann kommt diese moderne Variante eines Alt-68ers – Rempe-Thiemann ist 62 Jahre alt – mit einer solchen Erziehungsmethode um die Ecke? Hat seine Schule nicht einen Bildungsauftrag? Und konterkariert die Schule nicht diesen Auftrag, wenn sie die Kinder tageweise suspendiert? „Die Schule hat“, sagt auf diese Frage Rempe-Thiemann, „einen Bildungs- und einen Erziehungsauftrag. Und ohne Erziehung können Sie die Bildung vergessen.“ Erziehung, das ist hier am Hafen ein offenbar seltenes Pflänzchen.

Über die Verhältnisse an dieser Schule sagt der Konrektor: „Wer die Situation hier nicht kennt, kann sie sich nicht vorstellen.“ Der Mann heißt Tobias Zabel. Zabel, 46, ist an dieser Schule seit 1999, seit seinem Referendariat, tätig.

Erziehung beschreibt Herders Konversationslexikon 1921 wie folgt: Die „durch planmäßige Einwirkung der Erwachsenen erstrebte Erhebung der jungen Generation auf eine höhere Ebene sittlicher Gestaltung“. Der Definition werden viele widersprechen, was ja in Ordnung ist, sie ist annähernd 100 Jahre alt. Aber was das Fehlen von sittlicher Gestaltung hier mit sich bringt, zeigt sich, wenn Kinder in Papierkörbe kacken. Einzelfälle, aber so etwas kommt vor.

Wie es auch vorkommt, dass Mädchen aus Osteuropa, die hier zur Schule gehen müssten, nicht hier zur Schule gehen, weil die Eltern das nicht für gottgewollt halten. Hier kommt es vor, dass ein syrischer Vater dem Rektor erklärt, dass sein Sohn so sei, wie er sei, weil der die ersten sieben Jahre seines Lebens halt wie ein König zu leben habe. Und dann, quasi mit der Schulzeit, sieben Jahre Gefängnis beginnen würden. Wenn man dem Bild folgt, wären Rempe-Thiemann und Kollegen die Schließer, und irgendwie ist das mit dem verschlossenen Tor und der dadurch bedingten Knast-Anmutung ziemlich nah dran.

Kinder haben sie hier, die fernab von Regeln aufgewachsen sind. Oder, vermutlich trifft es das eher, die mit Regeln aufgewachsen sind, die das hiesige Regelwerk in Schutt und Asche legen. Zabel erzählt von einem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling, der mit Tischen und Stühlen um sich warf und dessen Betreuer dann fragte, ob man dem Jungen denn die Schulregeln mal vorgelesen habe. Auch in den sicherlich umfangreichen deutschen Schulregeln findet sich kein Passus über das korrekte Werfen von Schulmöbeln.

Regeln müssen gelten, sie müssen durchgesetzt werden. Damit das gelingt, muss man zumindest über Sanktionsmöglichkeiten nachdenken können. Doch das deutsche Schulsystem ist, was das angeht, in den Augen dieser beiden Lehrer „ein kastrierter Tiger, dem man die Zähne gezogen hat und der dann im Dschungel überleben soll“. Man muss über dieses Bild nicht lange nachdenken, um das Überleben des Tigers unter diesen Voraussetzungen schwierig zu finden.

Es ist aber auch nicht gänzlich unmöglich, wenn man sich die Schule anschaut, Erfolge hat sie ja auch. Diese Schule nennt sich „Schule am Hafen“, und in ihrem Logo ist ein Anker. Ein Anker gibt aber auch Halt außerhalb von Häfen. Sie haben hier, im Hauptschulvergleich, ziemlich gute Zahlen. Was die Abschlüsse der Schüler angeht. Und auch, was den Krankenstand im Kollegium angeht – rund zehn Prozent.

Sie haben hier verhältnismäßig wenig Vandalismus, wenig Gewalt. Es ist erstaunlich ruhig an dieser Schule. Was das Schöne an dieser Geschichte ist. Dass das so ist, hängt vermutlich stark mit den Sozialarbeitern zusammen. Fünf haben sie hier, das ist eine sehr gute Ausstattung. Aber sie brauchen die hier auch. Die fünf Sozialarbeiter kommen im Jahr auf 300 Kontaktaufnahmen zum Dortmunder Jugendamt. Bei 560 Schülern.

Ein verhältnismäßig harmloser Grund hier etwa ist es, wenn Eltern seit drei Wochen verschwunden sind und unklar ist, wo das Kind wohnt und wie es versorgt wird. Es gibt diverse Stadien der Verwahrlosung. Es gibt Kinder, die sagen, dass sie Hunger haben und denen man deswegen eigentlich ein Essen schenken müsste. Aber was ist mit dem kleinen Blassen dahinten an der Säule, hat der es nicht viel nötiger? Hat er nicht viel mehr Hunger und kriegt nur die Zähne nicht auseinander? Individuelle Entscheidungen müssten dann getroffen werden, resultierend aus Erfahrungswerten. Hinter den diversen Stadien der Verwahrlosung liegt akute Kindswohlgefährdung, und auch die ist hier nicht unbekannt.

Aber trotz alledem machen hier 95 Prozent der Kinder einen Abschluss, gehen elf Prozent der Kinder auf eine weiterführende Schule. Wenn Rempe-Thiemann hört, was man sich unter gelungener Integration außerhalb seines Kosmos vorstellt, dann muss er manchmal gequält lächeln, sagt er. Integration geht nur unter zwei unverhandelbaren Bedingungen, das haben sie hier für die Schule herausdestilliert: Erstens müssen sich alle, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Lebensgeschichte, an dieselben Regeln halten. Und das wird konsequent durchgesetzt. Zweitens müssen alle bereit sein, das Fremde zu akzeptieren. „Alles andere ist verlogen“, findet Rempe-Thiemann.

Das Fremde zu akzeptieren, darin sind sie am Hafen Profis genug. Hier setzen sie sich täglich damit auseinander. Und die Regeln müssen ab und an aktualisiert werden. Oder „modifiziert“, so stand es in dem Brief. Auf den es im Übrigen keine Elternreaktion gegeben hat. Nicht eine einzige. Man möge sich vorstellen, was an einer Schule im Süden losgewesen wäre, wäre so ein Schreiben rausgegangen. Mit dem ein Tiger, mag er auch zahnlos und kastriert sein, mal seine Krallen gezeigt hat.

Tobias Grossekemper ist Redakteur der Zeitung „Ruhr Nachrichten“ in Dortmund, in der dieser Text zuerst erschien.

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