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Geschichte Als hätte die Bundesrepublik nicht schon genug Vergangenheit zu bewältigen, steht nun noch die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe an

Wie die Kolonialzeit im deutschen Alltag weiterlebt

In Museen hierzulande wird heftig diskutiert, ob und wie Ausstellungsstücke aus vormaligen Schutzgebieten wie Kamerun zurückgegeben werden sollen. Dabei offenbaren sich auch tief verankerte Klischees.

Selbstverständlich lässt sich einfach sagen, dass das wilhelminische Kolonialreich (1884-1919) nur etwas mehr als drei Jahrzehnte Bestand hatte und daher in der langen deutschen Geschichte geradezu zu vernachlässigen sei. Doch sagt die mehr oder weniger lange Dauer einer historischen Phase wenig über ihre nachhaltige Wirkung aus – und außerdem ist es bei internationalen Beziehungen wie in privaten Partnerschaften: Mag ja sein, dass man selbst einen bestimmten Vorfall für nichtig erachtet, aber für den Partner kann genau dieser noch eine besondere Geltung oder Aktualität haben.

Wenngleich sich also in Deutschland kaum jemand der Kolonialvergangenheit bewusst ist – wie auch nach den vielen schwergewichtigen historischen Ereignissen wie Wiedervereinigung, Zweiter Weltkrieg oder Erster Weltkrieg? –, so ist das andernorts eben anders.

Verschiedene Erinnerungen

Ob Togo, Kamerun, Namibia oder Tansania – die deutsche Kolonialzeit ist seit jeher beispielsweise Thema der Literaturen dieser Länder.

Der tansanische Dichter Mubarak bin Somali etwa versteckte in seinem auf Suahili geschriebenen „Uimbo wa Kaizari“, dem huldvollen „Kaiserlied“ aus dem Jahr 1897, so oft die Worte „Aufstand“, „Kriegsgefangene“, „Widerstand leisten“, „aufhängen“ oder „marschieren“, dass es in Deutschland nur ungern beachtet wurde.

Und die Präsenz der Deutschen in Namibia bewegte noch im Jahr 2002 den südafrikanischen Schriftsteller André Brink dazu, darüber den Roman „Die andere Seite der Stille“ zu schreiben. Aus Sicht einer Frau, Hanna X., die ihr Glück in Deutsch-Südwestafrika sucht, schildert Brink das Vordringen der deutschen Siedler und die Grausamkeit der Kolonialarmee. Brink konzentriert sich auf ein Lager namens Frauenstein, in dem, historisch verbürgt, Frauen aus Deutschland für die deutschen Soldaten willfährig gemacht wurden. Dass sich kein deutscher Autor dieses Stoffes annahm, erstaunte den Südafrikaner ebenso, wie dass er lange keinen Verlag in Deutschland fand, der eine Übersetzung herausbringen wollte.

Gefühl weißer Überlegenheit

Genau genommen beschränkt sich die Debatte um die Rückgabe kolonialer Kulturgüter nicht auf die Kunstwerke, sondern berührt im Denken der Deutschen unverändert verankerte Stereotypen und Klischees aus der Kolonialzeit. Im Sprechen über Afrika und Afrikaner lässt sich unschwer das Gefühl der weißen Überlegenheit finden.

Auch im Alltag ist das Erbe der Kolonialzeit erhalten – seien es die einst gegründeten Tropeninstitute, die vormals Kolonialwarenhandlungen genannten Südlandhäuser, landwirtschaftliche Versuchsanstalten, Studienfächer wie Orientalistik oder Afrikanistik oder die Entwicklung des Hamburger Kolonialinstituts zur Universität Hamburg.

Am ausgeprägtesten war der deutsche koloniale Anspruch im Übrigen zwischen den Weltkriegen – also weit nach Ende der wirklichen deutschen Kolonialzeit. Gerade mit der Kolonialpropaganda des Dritten Reichs wurden rassistische Perspektiven in der öffentlichen Meinung verankert. Und noch in den 1950er Jahren war eine eventuelle Kolonie Togo Thema im Bundestag.

Voraussetzung für einen Dialog auf Augenhöhe wäre es daher, zunächst einmal schlicht zu akzeptieren, dass die Kolonialzeit keine unbedeutende Phase, sondern ein wesentliches Glied in der deutschen Geschichte ist.

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