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Gesellschaft Autor Bryan Stevenson kritisiert fremdenfeindliche Ideologien in der Bevölkerung / Ethnische Ungleichheit weiter vorhanden

„Wir haben unsere Geschichte nicht aufgearbeitet“

Archivartikel

Montgomery.Bryan Stevenson (58) gründete in Montgomery, Alabama die „Equal Justice Initiative“ für Gleichberechtigung im Rechtssystem. Der Rechtsprofessor an der New York University School of Law stand mit seinem Buch „Just Mercy“ (deutsch: Nur Gnade) über die Schieflagen im Strafrecht monatelang auf den Bestseller-Listen.

Herr Stevenson, wie erinnern Sie sich an die Tage nach dem Anschlag auf Martin Luther King in Memphis vor 50 Jahren?

Bryan Stevenson: Ich war noch ein kleiner Junge. Der Mord an Dr. King löste eine Krise in unserer Gemeinde und Familie aus. Es war ein Schock. Die Person, die das Gesicht und die Kraft hinter der Bürgerrechtsbewegung war, lebte nicht mehr. King inspirierte mich schon damals. In der Highschool habe ich seine Reden auswendig gelernt. Ich wollte die Dinge so geschliffen sagen können wie er.

Was haben Sie an King am meisten bewundert?

Stevenson: Sein strategisches Denken. King wählte Orte wie Selma und Birmingham mit Bedacht aus, weil die Sheriffs dort hasserfüllte Rassisten waren. Er wusste, dass er mit gewaltfreiem Zeugnis auf gewalttätige Brutalität stoßen würde. Damit entstanden Symbole, die Menschen vor eine klare moralische Wahl stellten. Die Proteste wegen der vier ermordeten Mädchen in der 16th Street Baptist Church 1964 verhalfen den Bürgerrechts-Gesetzen zum Durchbruch, die Bilder vom blutigen Sonntag auf der Brücke von Selma im März 1965 dem „Voting Rights Act“. King versuchte, das Gewissen der Nation zu formen und das weiße Amerika zu überzeugen. Die Schwarzen wussten ja, was Rassentrennung bedeutet.

Wie nachhaltig sind die Errungenschaften Dr. Kings nach seiner Ermordung?

Stevenson: Der vorzeitige Tod hat ohne jede Frage viele Dinge zerfallen lassen. Er hatte im Dezember 1967 damit begonnen, seine Kampagne für die Armen zu organisieren. Er predigte soziale Gerechtigkeit und sprach sich gegen den Vietnamkrieg aus. King hatte eine moralische Vision, die nicht nur an Afroamerikaner, sondern die ganze Nation gerichtet war. Sein Tod hat diese Kampagne gestoppt, weil es keine Infrastruktur gab, sie aufrechtzuerhalten.

Was bedeutet das für das ethnische Verhältnis in den USA heute?

Stevenson: Trotz der rechtlichen Erfolge hat es King zu seiner Lebenszeit nicht geschafft, das rassistische Erbe abzuschütteln. Wir haben Sklaverei, Lynchmorde und Genozid in unserer Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet. Deshalb belastet uns die ethnische Ungleichheit weiter. Es ist eine Art Smog, den wir alle einatmen. Deshalb glauben wir noch, dass schwarze und braune Menschen gefährlich und schuldig sind. Wir haben nach dem Bürgerkrieg Sklaverei und Zwangsarbeit abschafft, aber wir haben die dahinterstehende Ideologie nicht beseitigt.

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