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Europawahl Von einem, der auszog, die Welt zu erobern – CSU-Politiker mit Ambitionen auf das höchste und wichtigste Amt in der Staatengemeinschaft

„Wir müssen Europa von den Menschen her denken“

Er stammt aus der deutschen Provinz und will „Mister Europa“ werden. Auf einer Zuhör-Tour kämpft Manfred Weber um Stimmen – und kommt dabei gut an.

Über eine Stunde hat Raquel Seruca an diesem Tag im Februar mit Manfred Weber an einem Tisch gesessen. Die Frau ist Medizinerin, eine Koryphäe in Sachen Krebsforschung, Chefin von 27 Forschergruppen an der Universität im portugiesischen Porto, der über 400 Experten aller nur denkbaren Disziplinen angehören.

„Krebsforschung muss eines der medizinischen Topthemen der nächsten Jahre werden“, sagt sie. Weber hört zu, stellt Fragen nach dem Stand der Wissenschaft und ob man schon sagen könne, wann Krebs heilbar ist. So wie es der Forschungsausschuss im Europäischen Parlament, in dem Weber mit der Europäischen Volkspartei (EVP) die größte Fraktion führt, getan hat, als dessen Mitglieder versprachen, dass in zehn Jahren kein Kind in der Europäischen Union (EU) mehr an Krebs erkranken müsse.

Mann mit Bodenhaftung

Doch die Tumor-Spezialistin in Porto will das so nicht zusichern. Eine Stunde später steht die Professorin auf dem Gang, Weber gibt im Hintergrund Interviews für das portugiesische Fernsehen. „Ich bin mein Leben lang Sozialistin gewesen“, sagt Seruca nun. „Aber den könnte ich wählen.“

Weber? Einen CSU-Mann? Einen Politiker aus Niederbayern, der in Wildenberg im Kreis Kelheim lebt, was wie ein Synonym für Provinzialität klingen könnte. Es wird vor allem deshalb so oft zitiert, weil der Unterschied zu dieser Welt, die der christsoziale Spitzenkandidat für die Europawahl als einfacher Abgeordneter im Jahr 2004 betreten hat, nicht größer sein könnte.

Weber ist nicht nach Porto gekommen, um vorrangig Wahlkampf zu machen. „Zuhör-Tour“ hat er dieses Abklappern der EU-Mitgliedstaaten genannt. Am Abend isst er mit politisch engagierten Jugendlichen zu Abend. Am nächsten Morgen steht ein Termin bei einem mittelständischen Weinproduzenten auf dem Programm.

Weber sucht Erfolgsgeschichten. „Wir müssen Europa von den Menschen her denken“, sagte er in einem etwas ruhigeren Moment dieser Reise. Weber weiß: Für die Menschen, denen er begegnet, ist er mit größter Wahrscheinlichkeit der nächste Kommissionspräsident – das höchste und wichtigste Amt in der Europäischen Union. Von ihm wird mehr erwartet als ein „Weiter so“. Das europäische Projekt braucht Impulse, eine Vision. Kann Weber das?

Der 46-jährige Niederbayer inszeniert sich gern als Mann mit Bodenhaftung. Vor seiner Nominierung zum Spitzenkandidaten der europäischen christdemokratischen Parteienfamilie ließ er ein Bewerbungsvideo drehen, das ihn zu Hause zeigt: hemdsärmelig, bodenständig, der Mann, der „Mister Europa“ werden will, aber daheim die Menschen kennt und grüßt.

Außenpolitisches Aushängeschild

Dass er aus den Reihen der CSU-Führung kommt, in der Europa häufig eher kritisiert als unterstützt wurde, hängt ihm nach, obwohl sogar CSU-Parteichef und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der nicht zu Webers engsten politischen Freund zählt, inzwischen keine Rede ungenutzt lässt, um die Kandidatur seines Vize herauszustreichen. Für die bayerischen Christsozialen ist Weber so etwas wie das außenpolitische Aushängeschild. „Anti-Krawallo der CSU“ nennen ihn einige, weil er sich in den Auseinandersetzungen mit der Unionsschwester in Berlin stets eher auf Merkel-Positionen geschlagen hat, sich aber dennoch nicht mit Söder und Vorgänger Horst Seehofer überwarf.

Versuchte Brückenschläge

Noch während die CSU für eine Zuwanderungsobergrenze von 200 000 Migranten pro Jahr eintrat, schlug Weber vor, 20 000 syrische Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Die Türkei will er nicht als EU-Mitglied, denkt aber trotzdem an eine enge Bindung Ankaras an Europa. Das sind Webers Brückenschläge. Selbst in den Wochen vor dem Ausschlussverfahren gegen die ungarische Fidesz-Partei und ihren umstrittenen Premierminister Viktor Orbán aus der EVP bemühte sich Weber um einen Spagat: Auf der einen Seite verurteilte er die Anti-Europa-Kampagne der Rechtsnationalen in Ungarn, auf der anderen Seite reiste er zu Orbán, um zu versuchen, ihn wieder einzufangen.

Verbindlich im Ton, klar in den Positionen – wer Weber rechts einordnet, der liegt falsch. Der Mann ist ein Wertkonservativer im besten Sinne des Wortes. Mit CSU-Klischees kommt man bei Weber nicht weiter. Als er sich beim Kongress der Europäischen Volkspartei (EVP) im November 2018 in Helsinki um die Kandidatur bewarb, riss er mit klarem Bekenntnis zu europäischen und konservativen Werten die Delegierten von den Stühlen. Die kämpferische Ansprache, vielleicht die beste seiner Karriere, hatte ihm kaum jemand zugetraut.

Einer, der Weber auf dem Weg von der Parteibasis über den Bezirksvorstand Niederbayern bis nach Brüssel begleitet hat, sagt über ihn: „Es gibt Menschen, deren größte Stärke liegt darin, dass sie unterschätzt werden. Weber gehört dazu.“ Dass er auch mit den Großen kann, hat er gezeigt. Mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, dessen Regierungspartei LREM (La République en Marche) inzwischen bei den Liberalen eine Heimat gefunden hat, sprach er 45 Minuten. Die britische Premierministerin Theresa May empfing ihn im Regierungssitz Downing Street 10. Er hat sie alle abgeklappert, die Staats- und Regierungschefs. Jetzt will er deren Partner werden – an der Spitze der EU-Kommission.

Was könnte er dort bewirken? Zu früh sei es, sagt er selbst, schon jetzt Pläne für die Zeit nach dem Wahltag am 26. Mai zu machen. Dabei zeichnen sich bereits einige Dinge ab: Die Kommission, so heißt es, würde er wohl umbauen, um sie effizienter und schlagkräftiger machen. Lieber Zuständigkeiten bündeln statt feste Ressorts, Arbeitsaufträge erteilen – in der Forschung, beim Klimaschutz. Einen eigenen Kommissar für die Partnerschaft mit Afrika könne er sich wohl vorstellen, munkelt man. Das Thema Rechtsstaatlichkeit brennt ihm unter den Nägeln. Da will er konkret werden –Strafen eingeschlossen. Verteidigung nennt er selbst „ein zentrales Thema“.

Weber startet aus der Pole-Position, doch auf seinem Weg lauern viele Schlaglöcher. Zwar hat die EVP gute Chancen, erneut als stärkste Fraktion aus der Europawahl hervorzugehen, doch werden überparteiliche Absprachen nötig sein. Zudem gilt es, vom Chef der Europäischen Zentralbank bis zum EU-Ratspräsidenten noch mehrere andere europäische Spitzenposten zu besetzen – unter Berücksichtigung eines feinen politischen und regionalen Gleichgewichts.

Nachteil Deutschland

Als Nachteil könnte sich daher am Ende ausgerechnet etwas herausstellen, was Weber nicht steuern kann: seine Herkunft. Denn deutsche Machtansprüche lösen in anderen Ländern immer noch Abwehrreflexe aus, zumal der Einfluss Berlins in Brüssel ohnehin schon beträchtlich ist. Und die Frage, wie stark eine Kanzlerin auf Abruf nach der Wahl im Kreis der Staats- und Regierungschefs auftreten kann, um ihren Kandidaten durchzudrücken, scheint auch noch offen.

Weber ist instinktsicher und klug genug, um diesem Umstand in den kommenden Wochen Rechnung zu tragen. Er könnte tatsächlich nach Walter Hallstein (1958-1967) der zweite Kommissionspräsident aus der Bundesrepublik Deutschland werden. Zuzutrauen wäre es ihm.

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