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Südostasien: Indien wählt im April und Mai ein neues Parlament – und die Stimmen von Frauen setzen die Politiker in Neu-Delhi zunehmend unter Druck

„Wir sind nicht im Unrecht“

Kanaka Durga sagt: „Ich vermisse meine Kinder so sehr.“ Die 39-jährige Regierungsangestellte hatte Anfang Januar Geschichte geschrieben, als sie mit einer anderen Frau den Sabarimala-Tempel im Bundesstaat Kerala mit Polizeischutz betrat. Das südindische Heiligtum hatte ein Verbot für Mädchen und Frauen im Alter zwischen zehn und 50 Jahren weiter aufrechterhalten, obwohl Indiens Oberstes Gericht diese Praxis des hinduistischen Schreins für verfassungswidrig erklärt hatte.

Indien befindet sich im Umbruch. Einerseits nimmt Gewalt gegen Frauen zu, andererseits sind die Opfer nicht mehr bereit, alles mit sich machen zu lassen. Und diese neue Haltung könnte die Regierung von Premierminister Narendra Modi in Schwierigkeiten bringen.

Der Tempelbesuch veränderte das Leben von Kanaka Durga drastisch. Doch sie bereue es nicht, sagt sie, und würde es wieder tun – trotz der persönlichen Opfer. Denn bei ihrer Rückkehr wurde sie von ihrer Schwiegermutter mit einer Holzlatte verprügelt und musste im Krankenhaus behandelt werden. Ihre Familie, die nicht über den Tempelbesuch informiert war, beschuldigte sie, die Tradition gebrochen und Schande über die Familie gebracht zu haben.

Unruhen in Kerala

Am Ende musste die Bundesregierung von Kerala die Mutter von zwölfjährigen Zwillingen aus Sicherheitsgründen verstecken. Erst mit einem Gang vors Gericht konnte Kanaka Durga ihre Rückkehr in ihr eigenes Haus erstreiten. Doch das Familiendrama ging weiter. Ihr Ehemann war samt der ganzen Familie ausgezogen und verweigerte jeden Kontakt. Erst vor zwei Wochen durfte Kanaka Durga ihre Kinder für ein paar Stunden sehen. Sie lebt weiter mit der Angst, dass radikale Hindus sie töten könnten, weil sie den Tempel mit ihrer Visite angeblich entweiht habe.

Nach dem Besuch der beiden Frauen gab es tagelang Unruhen im Bundesstaat Kerala. Frauen und Mädchen zwischen zehn und 50 Jahren hatten aus Glaubensgründen den Sabarimala-Tempel nicht betreten dürfen, weil der dort verehrte Gott unverheiratet ist und daher von Besucherinnen „verführt“ werden könnte. Menstruierende Frauen gelten laut hinduistischer Tradition zudem als unrein und dürfen weder an religiösen Riten teilnehmen noch Tempel besuchen.

Im September 2018 hatte das Oberste Gericht Indiens erklärt, der Frauenbann des Tempels verstoße gegen die von der Verfassung garantierte Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Doch extremistische Hindus verwandelten den Sabarimala-Tempel daraufhin in eine Festung, um sich gegen die Aufhebung des Frauenverbots durch das Oberste Gericht des Landes wehren. Sie hinderten Dutzende Frauen daran, zum Tempel zu gelangen, der auf einem Hügel in einem Wald liegt.

Kanaka Durga wirft der Regierung von Premierminister Narendra Modi und seiner hindunationalistischen Partei BJP vor, ihre Familie bewusst gegen sie aufgehetzt zu haben.

Richter kippen Verbot

Parteichef Amit Shah, Modis rechte Hand, hatte Anfang des Jahres eine scharfe Attacke gegen das Oberste Gericht Indiens gefahren, nachdem die Richter das Frauenverbot im Sabarimala-Tempel gekippt hatten. Das Urteil zerstöre „den Glauben der Menschen“, wetterte Shah. Das Gericht breche mit einer jahrhundertealten religiösen Tradition. „Es gibt viele Tempel in diesem Land, die nur für Frauen zugänglich sind“, entgegnete Shah.

Shahs Kritiker merkten an, dass die angeblich Jahrhunderte alte Tradition eher modern sei. Denn erst eine Petition vor einem Gericht in Kerala im Jahr 1991 hatte die Vorschrift erstritten, dass Mädchen und Frauen zwischen zehn und 50 den Sabarimala-Tempel nicht betreten dürften. Diese Tradition sei daher allenfalls ein paar Jahrzehnte alt, schrieb die Politikerin Brinda Karat.

Nicht nur Kanaka Durga, sondern auch andere indische Frauen wollen nicht länger Ungerechtigkeiten hinnehmen. Ende Februar dieses Jahres machte eine Demonstration von 5000 Frauen in New Delhi Schlagzeilen – die Teilnehmerinnen aus allen Teilen Indiens hatten eines gemeinsam: Sie alle hatten sexuelle Gewalttaten überlebt. Die Frauen und Mädchen waren Opfer von Massenvergewaltigungen, Entführungen, Menschenhandel und Zwangsprostitution, manche waren als Hexen diffamiert und nackt durchs Dorf getrieben worden, viele von ihnen wurden später von den Tätern eingeschüchtert und von ihren Familien verstoßen.

Debatte über Macht und Mitschuld

Doch auch hier zeigt sich ein Umdenken. „Wir sind nicht im Unrecht, es sind die Täter, es ist die Gesellschaft, die im Unrecht ist“, sagt Bhanwari Devi aus Rajasthan. Sie selbst hatte vor 25 Jahren nach einer Massenvergewaltigung ein Urteil erreicht, das nun als wegweisend bei Urteilen zu Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz gilt. „Wenn wir in so großer Zahl auf die Straße gehen, dann wird die Regierung dies zur Kenntnis nehmen“, sagt Devi. „Der Kampf, für den ich in kleinen Schritten in den Ring gestiegen bin, ist heute zu einer großen Bewegung unter dem Namen #MeToo geworden“.

Der #MeToo-Slogan begann, sich im Oktober 2018 auch in Indien wie ein Lauffeuer über das soziale Netzwerk Twitter zu verbreiten. Den Anfang machte damals die ehemalige Schauspielerin Tanushree Dutta, die ihren Filmpartner Nana Patekar beschuldigte, sie bei den Dreharbeiten zum Film „Horn Ok Please“ 2008 sexuell belästigt zu haben.

Sie habe sich bereits unmittelbar nach dem Vorfall vor zehn Jahren darüber beschwert, doch niemand habe sie damals ernstgenommen, so Dutta jetzt. Als Reaktion darauf prangerten Hunderte indische Frauen das Verhalten von Journalisten, Redakteuren, Schriftstellern, Komikern, Regisseuren und Schauspielern an. Auch Minister und Politiker blieben nicht verschont. Rasch entfachte der Twittertrend eine Debatte über Macht und moralische Mitschuld. Manche Frauen posteten obszöne Nachrichten und Fotos, die sie erhalten hatten, andere berichteten von Nachstellungen, angsteinflößenden Begegnungen bis hin zu sexuellen Übergriffen.

Die #MeToo-Kampagne offenbarte auch in Indien, wie weit verbreitet sexuelle Gewalt gegen Frauen weiterhin ist und wie oft diese als „Kavaliersdelikt“ abgetan wird. „Es ist wie eine Welle, die gekommen ist“, sagt die indische Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Vrinda Grover aus New Delhi. „Bis jetzt haben solche Beschwerden nur Folgen für die Frauen gehabt. Nun ist es erstmals so, dass diejenigen, die sich übergriffig verhalten haben, die Folgen spüren.“

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