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Würdigung nach 67 Jahren

Archivartikel

Jemand hat ein Schwarz-Weiß-Foto in einem schlichten Rahmen auf den Marmor gelegt. Das Glas ist zerbrochen, das Bild nach Jahrzehnten vergilbt. 30 Soldaten in Uniform und mit verschränkten Armen blicken in die Kamera, handschriftlich stehen Angaben zum Ort der Aufnahme, dem Geschwader und dem Jahr. Yorkshire. Royal Air Force. 1944.

„Ich frage mich, wie viele dieser Männer überlebt haben?“, heißt es noch unter dem Foto. Eine Antwort bleibt aus. Nun liegt das Bild neben einigen Blumen und Kränzen zu Füßen der Bronzestatuen, die im Londoner Green Park der britischen Bomberflotte gedenken. Es ist ein brachiales Monument. Sieben alliierte Piloten stehen da, als seien sie gerade von einer Mission heimgekehrt; ihre Blicke schweifen über die Grünflächen inmitten der britischen Metropole. Es ist ein prominenter Platz für ein Denkmal, das eine kontroverse Debatte hinter sich hat. Denn das „Bomber Command“, die Flotte der Luftstreitkräfte des Königreichs, zerstörte während des Zweiten Weltkriegs deutsche Städte, Hunderttausende Tote unter der Zivilbevölkerung waren die Folge. 55 573 Piloten und Navigateure des „Bomber Command“ verloren ebenfalls ihr Leben. Seit dem Jahr 2012 erinnert das Denkmal an sie.

Umstrittene Taktik

Die Mitglieder der Royal Air Force (RAF), im Durchschnitt damals 22 Jahre alt, mussten 67 Jahre auf dieses Memorial warten. Viele Überlebende empfanden das als ungerecht. Denn das Königreich ehrt Kriegshelden und Gefallene anderer Militärgattungen mit Pauken und Patriotismus, mit Medaillen, Denkmälern, Veranstaltungen. Doch aufgrund der vielen zivilen Opfer durch die Flächenbombardements, die bereits zu Kriegszeiten mehr Zweifel als Zustimmung auslösten, musste ein Monument für die getöteten Piloten warten. Mit ein Grund dafür war der Ruf von „the butcher“, des Schlächters, wie Sir Arthur Harris genannt wurde. Er leitete als Oberbefehlshaber die Vernichtung aus der Luft. Schon während des Krieges herrschte auf der Insel Skepsis bezüglich seiner Taktik: „Bomber-Harris“ galt als Verfechter der Strategie, mit Flächenbombardements die Kampfmoral des Feindes zu brechen.

Es ist vor allem der Luftangriff der britischen und US-amerikanischen Alliierten auf Dresden, der auf spezielle Weise in die Geschichte einging – als Akt, der nicht ins Heldenbild der Siegermächte passen mag. Die Bombardements auf Mannheim und Ludwigshafen sind dagegen in der britischen Öffentlichkeit kaum bekannt, wie der Militärhistoriker Richard Overy sagt. Während bei den Angriffen auf Dresden der Krieg fast zu Ende war, glaubten die Menschen im Jahr 1943 in der Regel noch den Behauptungen der Regierung, dass die Briten nur Militärziele bombardierten. „Und sogar nach dem Krieg war die Mehrheit der Ansicht, dass die Bombardements auf militärisch-industrielle Ziele gerichtet waren, nicht auf Zivilisten.“

Churchills Sinneswandel

Overy bezeichnet die Offensive als „übertriebene Gewalt“. Die extreme Zuspitzung des Luftkriegs sei weder militärisch notwendig gewesen, noch könne sie moralisch gerechtfertigt werden. Doch das Kriegskabinett von Premierminister Winston Churchill wollte nicht nur die deutsche Wirtschaft schwächen, die Infrastruktur zerstören, die Arbeiter ausschalten. Die Briten hatten auch die Absicht, die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen. Overy zufolge wollten Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Krieg mit allen Mitteln abkürzen, die ihnen zur Verfügung standen.

Als „historische Wunde“ bezeichnete die Zeitung „Guardian“ einmal die Luftangriffe der Briten. Gut einen Monat nach der Attacke auf Dresden übergab Churchill den britischen Stabschefs eine Notiz, in der er die Bombardierung der Städte als „reinen Terrorakt und mutwillige Zerstörung“ verurteilte. Folglich ließ er die Bomberkommandos aus, als er sich bei allen anderen Sektionen der Royal Air Force für ihre Leistung bedankte.

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