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Kriminalität Am 11. März vor zehn Jahren tötet Tim K. 15 Schüler und Lehrer / Tat prägt Ort und Betroffene bis heute / Direktor arbeitet Geschehen fortwährend auf

Wunden von Winnenden schmerzen noch immer

Archivartikel

Zehn Jahre liegt der Amoklauf in der schwäbischen Kleinstadt zurück. Doch manche Menschen haben die Bilder noch klar vor Augen. Die Gewalttat des 17-Jährigen hat ihr Leben radikal verändert.

Gisela Mayer will gerade einkaufen, da spricht sie der Freund ihrer Tochter Nina vor dem Laden an. Ob sie wisse, fragt Martin, dass es an der Albertville-Realschule in Winnenden (rund 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart) einen Amoklauf gebe. Das ist die Schule, an der ihre Tochter als Referendarin unterrichtet. Sven Kubick, Konrektor in Tamm bei Ludwigsburg, erfährt von dem Geschehen durch andere Lehrer. Erwin Hetger, Polizeipräsident des Landes Baden-Württemberg, trifft sich mit Kollegen im Präsidium zur üblichen Lagebesprechung um 9 Uhr. Alles scheint ruhig. Eine Stunde später ändert sich das schlagartig. Hetger erhält einen Anruf des Lagezentrums: „Wir haben in Baden-Württemberg einen Amoklauf in Winnenden in einer Realschule. Die Lage ist kritisch. Offenbar gibt es auch Tote.“ Diese drei Menschen ahnen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass dieser Tag, der 11. März 2009, ihr Leben radikal verändern wird.

Am Morgen jenes Tages setzt sich der 17-jährige Tim K. zu seiner Mutter an den Frühstückstisch. Er isst ein Stück Rührkuchen und trinkt Kakao. In viereinhalb Stunden wird er nicht mehr leben – wie 15 andere Menschen auch. Er nimmt die Pistole aus dem Schlafzimmerschrank seines Vaters, eines Sportschützen. Munition aus dem Nachttisch: 285 Kugeln. Er verlässt das elterliche Haus in der 11 000-Einwohner-Gemeinde Leutenbach und steuert seine ehemalige Schule an, die Albertville-Realschule. Um 9.30 Uhr dringt der junge Mann in das Gebäude ein und erschießt acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen sowie auf der Flucht weitere drei Menschen. Um 12.30 Uhr erschießt Tim K. auch sich.

Gisela Mayer – die Mutter

Sicherheitshalber ruft die Mutter ihre Tochter Nina an in der Gewissheit, sie werde sich wie immer gleich melden. Dieses Mal nimmt niemand ab. Gisela Mayer wird unruhig. Sie und ihre jüngere Tochter fahren zur Schule. Sie werden hingehalten. Bis die jüngere Schwester es zuerst begreift. Nina ist tot. Mayer kennt nur einen Gedanken: Sie will zu ihrer Tochter. „Es war der ganz natürliche Impuls einer Mutter, ihr Kind zu umarmen und es festzuhalten – als könne man es noch vor dem Tod beschützen.“

Da beginnt, was Mayer ihre persönliche Katastrophe nennt: Ihr Wunsch wird nicht erfüllt, wahrscheinlich um ihr den Anblick der Leiche zu ersparen. Ihr Kind sieht sie erst wieder im Sarg liegend. Sie appelliert an Helfer, in solchen Extremsituationen die Wünsche der Angehörigen anzuhören und diese ernst zu nehmen. In Tim K., dem Schützen, sieht Mayer heute nicht mehr das Monster, sondern einen armseligen und bedauernswerten Jungen. Die Mutter, Philosophin und Psychologin, tritt danach an die Öffentlichkeit. Sie gründet das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden mit, setzt sich für das Verbot gewaltverherrlichender Videos und striktere Waffengesetze ein. Sie leitet die aus dem Aktionsbündnis hervorgegangene Stiftung gegen Gewalt an Schulen. Sie nimmt das Gespräch mit Jugendlichen auf, die Amoktaten angedroht oder vorbereitet haben. Sie unterrichtet das Fach Ethik. „Der Amoklauf hat mich in meinem lebenslangen Einsatz für Mitmenschlichkeit auf furchtbare Weise eingeholt“, sagt die heute 62-Jährige.

Sven Kubick – der Pädagoge

Als Sven Kubick hört, dass Rektorin Astrid Hahn die Albertville-Realschule verlässt und kein geeigneter Nachfolger gefunden wurde, liebäugelt er sofort mit dem Posten. Wochen später fragt ihn das Kultusministerium, ob er sich die Leitung der Realschule in Winnenden vorstellen könne. Er sagt zu. Es gebe keinen Rektor, der geschult wäre, mit traumatisierten Menschen umzugehen. „Ich habe aber die Energie in mir gefühlt, die Aufgabe anzugehen, obwohl es schon ein Sprung ins kalte Wasser war.“

Im November 2010 wird er in den Containern begrüßt, in die die Schüler während des Umbaus des beschädigten Schulhauses umziehen mussten. „Die Jahre seitdem haben mein Leben schon verändert“, bilanziert der Lehrer für Englisch, Erdkunde und Biologie. Schwierig sei die Arbeit mit betroffenen Eltern wie Schülern schon allein deshalb, weil der Amoklauf unumkehrbare Tatsachen geschaffen hat. Als Pädagoge denke man immer, es lasse sich noch etwas ins Positive wenden. „So etwas Endgültiges wie ein Amoklauf, das ist nicht begreifbar.“ Es habe Augenblicke der Hilflosigkeit gegeben und solche der Hoffnung, etwa als Eltern einer getöteten Schülerin Geschwisterkinder an der Schule anmeldeten.

Ein Viertel seines Kollegiums mit 40 Leuten hat den Amoklauf erlebt und überlebt. „Viele waren stabil und sind couragiert und mutig an die Dinge herangegangen. Einzelne haben vor dem Umzug aus den Containern in die renovierte Schule die Dienststelle gewechselt.“ Hat die Schule bei Tim K. versagt? Kubick will diese Frage nicht nur an seine Schule gestellt wissen, sondern an die ganze Gesellschaft. Schüler kämen oft schon mit einem Bündel an Schwierigkeiten.

Erwin Hetger – der Opferlobbyist

Polizeipräsident Erwin Hetger informiert CDU-Innenminister Heribert Rech. Dann fahren er und der Inspekteur der Polizei, Dieter Schneider, nach Winnenden. In einem Nebengebäude der Schule lässt Hetger sich auf den aktuellen Stand bringen. Dabei erfährt er, dass drei Streifenbeamte sofort nach dem Alarm in die Schule reingingen und sich einen Schusswechsel mit dem Todesschützen lieferten. „Bei dem ganzen Elend war das ein kleiner Lichtblick.“ Sein gegen interne Widerstände durchgedrücktes Konzept, in solchen Lagen nicht auf Spezialeinsatzkommandos zu warten, habe sich bewährt. Das sei eine Konsequenz aus dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit 17 Toten im Jahr 2002, als man auf Spezialisten gewartet habe. Ohne das rasche Eingreifen der Polizisten hätte es in Winnenden noch viel mehr Tote gegeben, ist Hetger überzeugt. „Da hatte Tim K. noch 200 Patronen. Der war noch voll dabei.“ Die Bilder aus den Klassenzimmern wird der 74-Jährige nie mehr los. „Die sind eingebrannt.“ Die Schüler saßen noch in ihren Bänken, durch Kopfschüsse getötet. Die Szenen seien mit nichts vergleichbar, was er in seinen Jahren als Polizeibeamter sah.

Drei Monate nach dem Amoklauf geht Hetger regulär in den Ruhestand. Durch eine zufällige Begegnung erfährt er, dass die Opferschutzorganisation Weißer Ring in Baden-Württemberg einen Landeschef sucht. Eine ehrenamtliche Aufgabe, die ihm passend erscheint. „Ich habe mich mein ganzes Berufsleben mit den Tätern beschäftigt. Dabei sei die Opferperspektive arg im Hintergrund geblieben.“ Er fügt hinzu: „Ohne Winnenden wäre ich nie zum Weißen Ring gegangen.“