Wirtschaft

Elektromobilität Baden-Württembergs Automobilhersteller und Zulieferer suchen Weg in eine Zukunft ohne Verbrennungsmotor

Abschied vom Zylinderblock

Archivartikel

Ostfildern.Es geht durch ein in die Jahre gekommenes Industriegebiet in Ostfildern im Stuttgarter Speckgürtel. Am Ende des Weges stehen ein vierstöckiger Zweckbau und eine Halle. Hier hat der Maschinenbauer Gehring seinen Sitz, einer der heimlichen Weltmarktführer, für die Baden-Württemberg berühmt ist. Der Mittelständler mit 800 Mitarbeitern beliefert Autohersteller in aller Welt mit Maschinen zur Bearbeitung der Zylinderbuchsen in Verbrennungsmotoren.

Seit der Dieselkrise und der Debatte über die E-Mobilität weiß Geschäftsführer Sebastian Schöning, dass er trotz seines technologischen Vorsprungs ein Problem hat. „Wir haben vor vier Jahren mit der Strategiedebatte begonnen“, blickt er zurück. Zusammen mit Jürgen Fleischer, dem Leiter des Karlsruher Instituts für Produktionstechnik, sucht er neue Produkte für Gehring. Schöning: „Wir wollten unsere Stärken bewahren und in die E-Mobilität einsteigen.“

IG Metall lobt Mittelständler

Bei einem Besuch der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) führt Schöning vor, wie weit der Weg schon beschritten ist: Gehring hat die Chancen der Digitalisierung zur Verbesserung der traditionellen Maschinen genutzt und sich für die Produktion eines speziellen Teils in Elektromotoren entschieden. Das nötige Know-how holt sich der Mittelständler über den Zukauf einer Firma. „Der Stator“, sagt Schöning, „ist der Teil des Elektromotors mit dem größten Produktionsaufwand und damit dem größten Potenzial zur Optimierung.“ Jetzt will er so schnell wie möglich loslegen: „Wir müssen jetzt richtig Strom geben.“

Angesichts des rasanten Tempos hin zu mehr Autos mit Batterie und Elektromotor dürfe man in Deutschland nicht mehr lange diskutieren. „Ich fände es nicht schlecht, wenn es auch bei den OEMs schneller gehen würde“, sagt er. OEM steht für Original Equipment Manufacturer, worunter man in der Automobilindustrie einen Fahrzeughersteller versteht. Dass Schöning damit einen der größten OEMs, den ein paar Kilometer weiter residierenden Daimlerkonzern, meint, ist offensichtlich.

Lob gibt es für den findigen Mittelständler sogar von Roman Zitzelsberger. Der Stuttgarter Bezirksleiter der IG Metall trifft sich immer mal wieder mit Schöning. „Gehring ist ein gutes Beispiel, wo die Reise hingehen kann“, sagt der Gewerkschafter. Da habe ein sehr traditionelles Unternehmen mit einer extrem starken Marktstellung frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und Alternativen gesucht.

Als IG-Metaller gehe es ihm darum, die 470 000 Jobs, die allein in Baden-Württemberg vom Auto abhängen, zu sichern. Ohne Veränderung wird das laut Zitzelsberger nicht gehen: „Je schneller man sich auf den Weg macht, desto größer ist die Chance, dass man es hinkriegt.“ Aber ihm ist klar, dass es dafür „noch ziemlich viele gute Ideen braucht“.

Hoffmeister-Kraut ist ebenfalls angetan. „Solche Beispiele zeigen, dass es Perspektiven gibt“, sagt die CDU-Ministerin nach dem Rundgang. Nirgendwo sonst in der Welt gebe es eine solche Ansammlung von Herstellern, Zulieferern und Forschungsinstituten wie in Baden-Württemberg. Neudeutsch spricht man von einem Automobilcluster. „Wir müssen es schaffen, diese Systemkompetenz auch in den neuen Technologien und zukünftigen Mobilitätslösungen zu erhalten“, betont Hoffmeister-Kraut.

Bei aller Unsicherheit über die nähere und erst recht die mittelfristige Zukunft gilt aktuell eine Zielgröße in der Branche als wahrscheinlich: Im Jahr 2030 soll jeder zweite Pkw, der in Deutschland zugelassen wird, einen elektrischen Antrieb haben. Damit könnte Gehring Stand heute fast die Hälfte seines traditionellen Geschäfts verlieren. Wobei für Stefan Wolf, den Präsidenten des Arbeitgeberverbands Südwestmetall, völlig offen ist, ob die Alternative tatsächlich batteriebetriebene E-Autos sind, die heute vielen beim Kampf für mehr Klimaschutz als Weisheit letzter Schluss gelten.

Werbung für die Brennstoffzelle

Wolf, der als Vorstandssprecher des Autozulieferers ElringKlinger von der Branchenkrise hart getroffen ist, plädiert für „absolute Technologieoffenheit“. Er hält den Brennstoffzellenantrieb für besser. „Das ist die deutlich grünere Technologie“, wirbt Wolf. ElringKlinger, bekannt als Spezialist für hochwertige Zylinderkopfdichtungen, setzt auf diese Alternative. Für völlig falsch hält Wolf die Festlegung von VW auf die Elektroautos mit Batterie. Der Grund liegt für ihn auf der Hand: Die deutschen Hersteller setzen jetzt auf E-Autos, um die strengen, ab 2021 geltenden Abgaswerte einhalten zu können. Andernfalls drohen Daimler & Co Strafzahlungen in Milliardenhöhe. Bis dahin ist die Brennstoffzelle aber nicht marktreif.

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