Wirtschaft

Industrie Europäischer Hersteller steigert Absatz deutlich / US-Konkurrent soll massiv Sicherheitsstandards vernachlässigt haben

Airbus fliegt an Boeing vorbei

Archivartikel

Berlin.Führungswechsel im Flugzeugmarkt: Die Sicherheitsprobleme bei Boeing haben sich im vergangenen Jahr deutlich in den Absatzzahlen niedergeschlagen – und erlaubten Airbus den Wiederaufstieg zur Nummer eins der Branche. Der europäische Flugzeugbauer hatte zuletzt 2011 mehr Maschinen abgesetzt als sein amerikanischer Erzrivale. Während der Absatz von Boeing fast auf die Hälfte abgesackt ist, erfreut sich Airbus voller Auftragsbücher – und kommt kaum mit der Herstellung hinterher.

In der Branche kursieren bereits seit einer Weile Zahlen, die eine eindeutige Sprache sprechen – schließlich haben die Anbieter bereits konkrete Werte für die Zeit bis November bekanntgegeben, die sich leicht fortschreiben lassen. Demnach hat Airbus im Jahr 2019 mehr als 860 Flugzeuge abgesetzt. Bei Boeing werden es vermutlich weniger als 430 gewesen sein. Aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen ist ein himmelweiter Vorsprung von Airbus geworden. Während Airbus über die Feiertage Arbeiter in die Fabriken gerufen hat, um die vielen Bestellungen für den beliebten Typ A321neo abzuarbeiten, produziert Boeing das direkte Konkurrenzmodell 737 Max auf Halde. Doch selbst wenn die geparkten Maschinen eingerechnet sind, hat Airbus nach aktueller Datenlage mehr Flugzeuge fertiggestellt.

Auch die neuen Aufträge haben sich im Laufe des Jahres zugunsten der Europäer verschoben. Noch ist zudem völlig unklar, wann Boeing die rund 300 zwischengeparkten Flugzeuge ausliefern darf.

„Von Clowns konstruiert“

Derzeit kommen eher neue Zweifel an der Zuverlässigkeit von Boeing auf, statt dass sich die Lage beruhigt. Die US-Regierung hat das Unternehmen zur Herausgabe interner Unterlagen gezwungen. Aus den E-Mails und Chats spricht eine gewisse Verachtung gegenüber allzu hohen Sicherheitsstandards und den Anforderungen der öffentlichen Aufseher. Auch qualifizierte Mitarbeiter hatten nur geringes Zutrauen in die eigenen internen Abläufe, wie aus Zitaten hervorgeht, die der Wirtschaftsdienst Bloomberg veröffentlicht hat. Während der Entwicklung der 737 Max im Jahr 2016 schrieb ein Testpilot an einen Kollegen: „Dieses Flugzeug wird von Clowns konstruiert, die von Affen überwacht werden.“ Zwei Jahre später fragte ein anderer Mitarbeiter seinen Kollegen, ob er seine Familie auf einer 737 Max mitfliegen lassen würde. „Ich nicht.“

Für die Aufsichtsbehörden haben die Boeing-Verantwortlichen derweil vor allem Spott übrig. Dort arbeiten nur „Trottel“, hieß es in einer Nachricht, und die Aufseher in Indien seien „noch dümmer“. So zitiert es das „Wall Street Journal“. Das Bekanntwerden dieser Ansichten wird keine Nachsicht bei den beschimpften Behörden wecken. Dabei sind diese derzeit mit der Wiederzulassung des Jets beschäftigt. Da laufend neue Probleme auftauchen, verzögert sich die Freigabe der 737 Max schon seit dem vergangenen Sommer immer weiter.

Die Untersuchung der vergangenen Abstürze förderte Mängel in der Sicherheitskultur bei Boeing, aber auch Nachlässigkeit auf Seite der Luftfahrtaufsicht zutage. Das Unternehmen hatte den Flieger zügig auf den Markt gebracht. Das Verhalten der Software war daher nicht gut durchdacht. Boeing hat zudem verschwiegen, dass die Piloten aufwendige Schulungen brauchen.

Wenn Boeing die Fluglinien für die Personalausfälle entschädigen muss, dann kommen neue Zahlungen von mehr als fünf Milliarden Dollar auf das Unternehmen zu, vermuten Analysten.

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