Wirtschaft

Volkswagen I Trotz heftiger Kritik scheitert Antrag auf Abwahl des umstrittenen Aufsichtsratschefs

Aktionäre legen sich mit Pötsch an

Archivartikel

Berlin.Kurz die Lage darstellen, ein paar freundliche Nachfragen, schnelle Entlastung für Vorstand und Aufsichtsrat – genau so läuft eine Volkswagen-Hauptversammlung in der Regel nicht ab. Auch diesmal wurde Ärger laut, aber so gesittet wie gestern ging es seit Jahren nicht mehr zu. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Denn der größte Autokonzern der Welt fährt der Abgas-Affäre mit ihren Millionen von manipulierten Dieselmotoren immer schneller davon, das Geld sprudelt, der Absatz bricht Rekorde.

Kein Scherbengericht für Top-Management und Kontrolleure also. Vor allem mit Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch – bei Ausbruch der Abgasaffäre unter Ex-Konzernchef Martin Winterkorn noch Finanzvorstand – legten sich die Anteilseigner aber an. Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionäre sagte: „Unser Vertrauen haben Sie nicht.“ Winfried Mathes von Deka Investment forderte einen unabhängigen Aufsichtsratschef: „Herr Pötsch, Sie sind das nicht.“ Ein Antrag zur Abwahl Pötschs als Versammlungsleiter erhielt allerdings nur 0,01 Prozent Ja-Stimmen. Und am Ende der Hauptversammlung erhielten Spitzenmanager wie auch Pötsch mit deutlicher Mehrheit von fast 99 Prozent die Entlastung der VW-Aktionäre für 2017.

Kleinaktionär Manfred Klein sah in Pötsch dennoch einen „personifizierten Interessenkonflikt“, warf ihm Arroganz vor und forderte ihn zum Gehen auf: „Herr Pötsch, ich fordere Sie auf, dass Sie selbst zu dieser inneren Einsicht kommen: Der Müller hat vergessen, mich mitzunehmen, ich gehe jetzt freiwillig.“

Der Gescholtene aber machte klar: „Ich teile Ihre Sicht nicht.“ Dann kehrte Pötsch zurück zur Tagesordnung, verkürzte die Redezeit auf drei Minuten. Und drehte das Mikro ab, wenn ein Beitrag zu lang gerat.

Für Nachfragen sorgte trotzdem der etwas überraschende Wechsel an der Konzernspitze, den Volkswagen Mitte April verkündet hatte. Herbert Diess löst Matthias Müller ab – und will der Unternehmensgruppe Beine in Sachen Innovation machen. Bedeutet dies, dass Aufsichtsrat und Volkswagen-Eigner um die Familien Porsche und Piëch den Ex-Konzernchef als „lahme Ente“ betrachten, wie Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer mutmaßte?

Nebulöse Gründe

NordLB-Analyst Frank Schwope winkte ab. Müller habe den Job bei Volkswagen – den er als Nachfolger von Winterkorn im September 2015 antrat, als dieser von „Dieselgate“ aus dem Amt gefegt wurde – von Anfang an „nicht mit Euphorie“ ausgefüllt. Aber er habe den Großteil der Aufräumarbeiten nach dem Skandal übernommen. Das rechneten ihm die Anteilseigner an. Mathes bezeichnete die Gründe für den Wechsel an der Konzernspitze als nebulös: „Der Vorstand wurde ausgewechselt wie die Trainer des Werksvereins VfL Wolfsburg.“ 

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