Wirtschaft

Alte Kleider in neuer Krise

Archivartikel

Aus deutschen Schränken fliegen mehr als eine Million Tonnen Kleider pro Jahr. Kann man sie guten Gewissens in den Container werfen, und wie werden sie danach verwertet?

Die Containerklappe öffnet sich, die Kleidung fällt. Ein dumpfes Wumms. Wer seinen Kleiderschrank entrümpelt, hofft auf ein gutes Ende im Altkleidercontainer. Was aber nach dem Einwurf passiert, ist für Verbraucher oft so undurchsichtig wie der Container selbst.

Fest steht: Von den jährlich mehr als einer Million Tonnen Kleidungsstücke, die dort landen, wird man hierzulande nur wenige in Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern wiederfinden. Thomas Ahlmann vom Verband Fairwertung, einem Zusammenschluss gemeinnütziger Kleidersammler, schätzt ihren Anteil auf fünf Prozent der abgegebenen Textilien. In den Sortieranlagen jedoch, wo die Containerfüllungen zuerst hinreisen, werden an die 60 Prozent der Kleider als wieder tragbar eingestuft. Der Rest? Landet auf Märkten in Afrika, in Osteuropa oder Südamerika, mittlerweile auch in Pakistan und Indien, wie Thomas Fischer vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) erklärt. Knapp 15 Prozent werden weiterverwendet, zum Beispiel in Form von Putzlappen oder Dämmstoffen. Je knapp über zehn Prozent werden recycelt – oft zu Kunststoffen – oder verbrannt.

40 Prozent illegale Container

Allein in Mannheim stehen über 500 Kleidercontainer. Wer blind einen auswählt, wird mit einer Chance von 40 Prozent einen illegalen, also behördlich nicht genehmigten, erwischen. Was mit diesen Kleidern passiert, wissen nur die Container-Besitzer. Rund 150 Container gehören der Stadt selbst und noch mal ein paar mehr sind Container von karitativen und gewerblichen Organisationen. Qualitätssiegel wie das bvse oder Logos wie Fairwertung sollen zeigen, dass sie transparent arbeiten und sich Standards unterwerfen, beispielsweise den Abfallanteil möglichst niedrig zu halten.

Doch ob karitative, gewerbliche oder kommunale Akteure – nicht selten gehen die Kleider dieselben Wege, landen bei denselben Sammel-, Sortier- und Verwertungsunternehmen. „Der grundlegende Unterschied zeigt sich bei der Verwendung der Erlöse“, so der Dachverband Fairwertung. Karitative Anbieter sammeln, um in Kleiderkammern und Sozialkaufhäusern sowie durch Hilfsgütertransporte direkt zu helfen – oder indirekt, indem sie die Erlöse für ihre Arbeit verwenden. Auch Kleider aus diesen Containern tauchen also auf in Secondhand-Märkten in Kenia und anderen Ländern.

Kleiderexporte ins Ausland sind umstritten. Der Vorwurf: Sie ersticken die heimische Textilbranche der Länder. Ihre Verfechter sagen: Die Textilmärkte könnten die Nachfrage nicht stillen, die Folge wären mehr Importe von billig produzierter Ware aus China. Die Kleider seien nun mal in der Welt, warum neue produzieren?

„Alttextilien sind eine der wenigen Abfälle, die Bürger umsonst abgeben können“, so Ahlmann von Fairwertung. Er bezweifelt, dass das auf Dauer funktionieren wird. „Nur der Anteil noch tragbarer Textilien finanziert das kostenlose Kleidersammelsystem. Wenn er weiter abnimmt, rechnet sich das Geschäft nicht mehr.“ Diese Abnahme tragbarer Kleidung beobachten auch Sammelunternehmen wie DÄSA aus St. Leon-Rot. Bis zu Tausend Tonnen Altkleider landen dort im Monat – Tendenz steigend, Qualität sinkend. „Die T-Shirts haben zum Beispiel oft keine Form oder richtige Farbe mehr“, heißt es dort. Immer mehr Polyester steckt im Material. Schnelle Mode ist nicht für die Ewigkeit.

Die sinkende Qualität der Altkleider schlägt auch auf ihren generell sprunghaften Marktpreis: 2013/14 lag er bei über 400 Euro pro Tonne, zuletzt laut Ahlmann bei 200 Euro mit sinkender Tendenz. Verbände wie Fairwertung oder bvse sprechen vom baldigen Kollaps der Branche. Die Altkleidersammler arbeiteten schon an ihrer Kostendeckungsgrenze, so Ahlmann, dann kam Corona: Auf der einen Seite Bürger, die sich ihre Kleiderschränke vorknöpften, auf der anderen ausfallende Absatzmärkte für die Secondhand-Ware im In- und Ausland. Die Sammel- und Sortierbetriebe standen vor Textilbergen und wurden sie nicht los. Auch DÄSA musste zwischenzeitlich die Klappen einiger Container zukleben.

Und heute? Läden und Märkte sind zurück und erholen sich. Doch angesichts des Überangebots zahlen Secondhand-Händler weniger denn je. „Wenn kein Geld mehr mit Altkleidern verdient wird, wer soll es dann machen?“, fragt Fischer vom bvse. Die Verantwortung werde wohl auf diejenigen zurückfallen, die die Ware in den Verkehr bringt, meint Fischer. Ob es den Einzelhandel trifft oder die Bekleidungsindustrie, werde sich zeigen.

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