Wirtschaft

Bilanzskandal Massive Kritik am Management / Konzern stellt Insolvenzantrag / Aktionäre sitzen auf quasi wertlosen Papieren

Anlegerschützer empört über Wirecard

München.Milliarden, die es offenbar nur auf dem Papier gibt und ein kurzzeitig festgenommener Chef: Mitten im Bilanzskandal hat der Zahlungsdienstleister Wirecard Insolvenz angemeldet – eine Katastrophe für die 5800 Mitarbeiter und die Anteilseigner. Der ohnehin schon schwer gebeutelte Aktienkurs rutschte am Donnerstag auf rund 3,53 Euro ab. Unter den Leidtragenden, die nun auf quasi wertlosen Papieren sitzen, sind sehr viele Kleinaktionäre ebenso wie der frühere Vorstandschef Markus Braun, der im Februar noch Großaktionär und Milliardär war.

Dax-Abschied im September

Ein sofortiger Abstieg aus dem Dax droht Wirecard aus heutiger Sicht nicht: „Bei einem regulären Insolvenzverfahren bleibt die Aktie bis zum nächsten regulären Anpassungstermin im Dax“, erläuterte ein Sprecher der Deutschen Börse.

Der nächste reguläre Anpassungstermin ist der 3. September. Dann allerdings hat Wirecard keine Chance mehr, unter den Top 30 der deutschen Börsenschwergewichte zu bleiben.

Bei Wirecard wird nun zunächst ein Gutachter beauftragt, der die Lage des Unternehmens beurteilt. Im nächsten größeren Schritt nach dem Eingang des Insolvenzantrags beim Münchner Amtsgericht wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt. Eine entscheidende Frage bei Wirecard wird sein, ob das Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb fortsetzen kann oder nicht. Laut Wirecard laufen Mitte nächster Woche insgesamt 1,3 Milliarden Euro an Krediten aus, für die kein Ersatz in Sicht ist.

Der asiatische Uber-Konkurrent Grab und der französische Telekomkonzern Orange gehörten zu den ersten Geschäftspartnern, die sich von Wirecard abwendeten. Eine Mittelstandslösung von SAP enthält eine Zahlungsfunktion von Wirecard, der Walldorfer Softwarekonzern beobachtet die Lage und sieht derzeit noch keinen Handlungsbedarf auf technischer Ebene.

Die Anlegervereinigung DSW forderte rückhaltlose Aufklärung. „Das ist eine Katastrophe“, sagte Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. „Bei Wirecard hat das System versagt“ – das bezieht sich auf Vorstand und Aufsichtsrat ebenso wie auf die Bilanzprüfer der Gesellschaft EY, die die Jahresabschlüsse testierte, und die behördliche Aufsicht durch die Bafin.

EY selbst geht von schwerer Kriminalität in quasi weltumspannendem Maßstab aus. „Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren“, erklärte EY in Stuttgart. „Im Rahmen der Abschlussprüfung für das Geschäftsjahr 2019 hat EY entdeckt, dass gefälschte Saldenbestätigungen und weitere gefälschte Unterlagen für die Treuhandkonten vorgelegt wurden.“ EY habe das den zuständigen Behörden sowie dem Unternehmen und seinem Aufsichtsrat mitgeteilt.

Am Freitag war Vorstandschef Braun zurückgetreten, später räumte Wirecard die Luftbuchungen ein. Braun kam für eine Nacht in Untersuchungshaft, wurde aber gegen Kaution von fünf Millionen Euro auf freien Fuß gesetzt. 

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