Wirtschaft

Statistik Deutschland im EU-Vergleich auf Rang sechs / Ökonomen sehen weiteren „Nachholbedarf“

Arbeitskosten legen zu

Berlin.Die zuletzt gestiegenen Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft sind im vergangenen Jahr weiter um 2,8 Prozent gestiegen – deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsexperten sieht das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) darin aber keinen Grund zur Besorgnis.

Nachwirkung des Mindestlohns

Deutschland habe „Nachholbedarf“, sagte Institutsdirektor Gustav Horn gestern bei der Vorstellung einer Untersuchung in Berlin. Zu den Arbeitskosten zählen unter anderem die Bruttolöhne und die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen. Laut IMK-Report mussten die Betriebe in der privaten Wirtschaft für eine Arbeitsstunde im vergangenen Jahr 34,60 Euro aufwenden. Im gesamten Euro-Raum waren es durchschnittlich 30,40 Euro und über alle EU-Länder hinweg 26,60 Euro.

Der Anstieg in Deutschland geht in erster Linie auf die Nachwirkungen des 2015 eingeführten Mindestlohns sowie die allgemeinen Lohnzuwächse zurück. Die tariflichen Steigerungen lagen 2017 im Schnitt bei 2,4 Prozent. Auch die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten, also das Verhältnis von Arbeitskosten und Produktivität, sind in Deutschland 2017 mit 1,8 Prozent schneller gestiegen als im Schnitt des Euro-Raums (0,8 Prozent).

Nach Einschätzung von IMK-Chef Horn markiert diese Entwicklung eine erfreuliche Trendwende. Zeigten doch die Erfahrungen eindeutig, dass es Deutschland wirtschaftlich besser gehe, „seitdem die Fixierung auf möglichst niedrige Arbeits- und Lohnstückkosten etwas nachgelassen hat“, erläuterte Horn. Zugleich zeigte er sich überzeugt, dass Deutschland bei den Löhnen noch einen Nachholbedarf für fünf weitere Jahre habe.

Laut der IMK-Untersuchung verzeichne die Bundesrepublik im Zeitraum 2001 bis Ende 2017 den drittniedrigsten Anstieg bei den Arbeitskosten in der EU. Pro Jahr waren es im Schnitt 2,1 Prozent. Im gesamten EU-Raum waren es durchschnittlich 2,6 Prozent.

Aktuell liegt Deutschland bei den Arbeitskosten auf Rang sechs unter den EU-Ländern. Spitzenreiter sind Dänemark, Belgien und Schweden. Dort liegen die Aufwendungen der privaten Wirtschaft pro Arbeitsstunde zwischen 6,60 Euro und neun Euro höher als hierzulande. Das langjährige „extrem schwache Wachstum“ der Lohnstückkosten in der Bundesrepublik habe auch zu den wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euro-Raum beigetragen, heißt es in der Studie. Dagegen hatte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die hohen Arbeitskosten in einer zu Jahresbeginn veröffentlichten Untersuchung als Standortnachteil eingestuft.