Wirtschaft

Südwesten Viele Unternehmen haben wegen Corona-Krise weniger Lehrverträge abgeschlossen / Tausende Lehrstellen noch unbesetzt

Aufholjagd auf dem Ausbildungsmarkt

Archivartikel

Stuttgart.Die Corona-Pandemie hat auf dem Ausbildungsmarkt starke Bremsspuren hinterlassen. In Baden-Württemberg haben allein die Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung zum Start in das neue Ausbildungsjahr an diesem Dienstag 6280 Lehrverträge weniger abgeschlossen als 2019. Das ist ein Minus von 15,5 Prozent im Bereich der Industrie- und Handelskammern (IHK), die zum 1. September noch 34 250 Azubis registriert haben. Die landesweit für Ausbildung zuständige Stuttgarter IHK-Präsidentin Marjoke Breuning rechnet aber mit weiteren Nachzüglern: „In den letzten Wochen konnten landesweit noch viele Verträge abgeschlossen werden. Die Aufholjagd bei der Besetzung der Lehrstellen hat begonnen.“

Im Ausbildungsbündnis von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) wird überlegt, im Februar einen zweiten Ausbildungsstart mit eigenen Klassen in den Berufsschulen einzurichten. Breuning würde das begrüßen, gerade wenn einzelne Branchen in den nächsten Monaten eine wirtschaftliche Besserung spüren würden.

Gastgewerbe besonders betroffen

Die Pandemie hat die Wirtschaftsbereiche durchaus unterschiedlich getroffen. Die stärksten Rückgänge registrieren die IHK-Experten bei den Ausbildungsverträgen im Gastgewerbe, wo in der Region Stuttgart im Vergleich zum August 2019 ein Minus von 37 Prozent steht. Landesweite Zahlen für die verschiedenen Berufsfelder gibt es noch nicht. Im Verkehr- und Transportgewerbe wurde im Vergleich zu 2019 ein Drittel weniger Verträge gezählt.

Auf der anderen Seite gibt es im Südwesten Tausende Lehrstellen, die zum Ausbildungsstart nicht besetzt sind. Allein bei der Regionaldirektion für Arbeit sind noch 22 730 freie Plätze registriert. Gesucht sind Einzelhandelskaufleute, Berufskraftfahrer, Fachinformatiker, Verkäufer und Köche. Zugleich weist die amtliche Statistik 12 577 unversorgte Bewerber aus. „Jeder interessierte Jugendliche hat weiter die Chance, in eine Ausbildung einzusteigen“, sagt Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) zu diesen Zahlen. Rechnerisch kämen aktuell 1,8 unbesetzte Stellen auf jeden suchenden Bewerber. Auch Breuning fordert von denen, die keine Lehrstelle haben, mehr Flexibilität. DGB-Landeschef Martin Kunzmann betont dagegen das Grundrecht der freien Berufswahl. „Wenn die Schulabgänger schon mit einer Notlösung ins Berufsleben starten, sind das keine guten Voraussetzungen.“

Zu den Merkwürdigkeiten des Corona-Jahres gehört, dass den Arbeitsagenturen im Südwesten nicht nur 5500 Lehrstellen (Minus 6,8 Prozent gegenüber den 80 800 des Vorjahres) weniger gemeldet wurden. Mit 6,1 Prozent ist der Rückgang bei den Bewerbern ähnlich stark. Nur noch 58 200 setzen bei der Lehrstellensuche auf die Behörde. Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums weist darauf hin, dass die Zahl der Schulabgänger seit Jahren sinkt. Zudem sei in diesem Frühjahr die Berufsorientierung ausgefallen.

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