Wirtschaft

Geldpolitik ZEW-Experte Friedrich Heinemann erwartet, dass die Europäischen Zentralbank am Donnerstag höhere Strafzinsen für Einlagen beschließt

„Banken heben bereits Kontogebühren an“

Mannheim.Die Geldinstitute stöhnen schon lange über den Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB). Am Donnerstag tritt ihr Chef Mario Draghi nach der Sitzung des EZB-Rats vor die Presse. Friedrich Heinemann, Finanzexperte vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, kritisiert, dass die EZB „hohe Erwartungen geweckt“ habe, die sie nicht erfüllen könne. „Schon seit Monaten hat die EZB die Märkte auf eine erneute Lockerung der Geldpolitik eingestimmt. Unklar ist dabei allerdings geblieben, welche Instrumente zum Einsatz kommen sollen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Heinemann geht davon aus, dass die EZB am Donnerstag den Einlagezins für die Banken weiter senken wird. Gegenwärtig liegt er bei minus 0,4 Prozent. Diesen Strafzins müssen die Banken zahlen, wenn sie Geld, das sie fürs laufende Geschäft nicht benötigen, bei der EZB parken. Der Einlagezins könnte am Donnerstag nach Heinemanns Schätzung auf minus 0,6 Prozent fallen. „Das wäre noch vertretbar. Deshalb ist eine Zinssenkung im Vergleich mit den anderen geldpolitischen Optionen das kleinere Übel. Gleichwohl wäre sie mit erheblichen Nebenwirkungen für die Banken verbunden“, meint Heinemann.

„Erhebliche Risiken“ würde er dagegen sehen, wenn die EZB ihr im Dezember 2018 beendetes Wertpapierkaufprogramm wieder aufnehmen würde. Das Volumen beträgt rund 2,5 Billionen. Der Löwenanteil (zwei Billionen Euro) entfällt auf Staatsanleihen, hinzukommen Bank- und Unternehmensanleihen. Eine Neuauflage dieses Programms wäre nur möglich, wenn die EZB Anleihen von stark verschuldeten Staaten wie zum Beispiel Italien aufkaufen würde. Dies wäre nach Heinemanns Ansicht auch problematisch, weil das Bundesverfassungsgericht derzeit prüfe, ob die Ankäufe vom Grundgesetz gedeckt seien.

Geld unters Kopfkissen?

Die EZB hat die Zinsen in der Vergangenheit drastisch gesenkt, weil sie damit die Inflationsrate in Richtung der Zwei Prozent-Marke treiben will. Die Konsequenz ist allerdings, dass die Bürger für ihr Geld, das sie auf dem Girokonto liegenlassen, keine Zinsen mehr bekommen. Dagegen sind Verbraucher- und Immobilienkredite sehr günstig, dies schlägt sich auch auf dem Immobilienmarkt nieder. Gerade in den Ballungsräumen steigen die Preise.

Inzwischen verlangen die ersten Banken von Kunden für sehr hohe Anlagen ebenfalls Strafzinsen. „Die meisten Banken trauen sich aber nicht, den Strafzins transparent zu berechnen. Da sie nicht völlig auf ihren Kosten sitzen bleiben wollen, heben sie bereits bundesweit die Kontogebühren an“, sagt Heinemann.

Am Ende müsse sich aber auch für die Geldinstitute das Geschäft rentieren. „Sollte der Strafzins auf minus ein Prozent fallen, würden die Banken wahrscheinlich größere Teile ihres Bargelds lieber im Tresor im Keller bunkern“, glaubt Heinemann. Und der Verbraucher? „Vielleicht legt der dann wie früher Oma und Opa sein Geld unters Kopfkissen. Nullzinsen sind ja immer noch besser als Strafzinsen.“

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