Wirtschaft

Pandemie Kritik an neuer Autobahn GmbH des Bundes / Verband befürchtet starken Rückgang der Aufträge

Bauwirtschaft trotzt der Corona-Krise

Archivartikel

Stuttgart.Die Bauwirtschaft hat zwar bisher der Corona-Krise getrotzt, befürchtet für die nächsten Monate aber starke Auftragsverluste im Wirtschafts- und im Straßenbau. Für den Verband Bauwirtschaft Baden-Württemberg rechnet Präsident Markus Böll in diesem Jahr nur noch mit einer Stagnation oder gar mit einem Umsatzrückgang bis zu drei Prozent. „Die Aufträge bröckeln auf breiter Front, die Preise geben nach, der Boom zeigt Risse“, klagte der Unternehmer aus Schriesheim im Rhein-Neckar-Kreis bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen. Böll fordert eine Investitionsoffensive der öffentlichen Hand und mehr Geld für den sozialen Wohnungsbau.

Durch ein dickes Auftragspolster aus dem Jahr 2019 konnte die Bauwirtschaft im Südwesten von Januar bis Juni die Umsätze noch einmal um 4,2 Prozent steigern. Allerdings gingen die Auftragseingänge in der gleichen Zeit um 13,1 Prozent zurück. Besonders heftig sei der Rückgang mit einem Minus von 25 Prozent im Wirtschaftsbau gewesen, im Straßenbau waren es 14,7 Prozent weniger. Als Lichtblick bezeichnete Böll den Wohnungsbau mit einem Auftragsplus von 9,4 Prozent. Die Wohnbaugenehmigungen stiegen im ersten Halbjahr um acht Prozent.

Warnung vor Stillstand

Große Sorgen bereitet der Branche die laufende Neuorganisation der Straßenbauverwaltung. Zum Jahreswechsel geht die Zuständigkeit für den Autobahnbau auf den Bund über. Allein aus den baden-württembergischen Ämtern müssen 300 Fachleute zu der neuen Autobahn GmbH wechseln. „Die Gesellschaft ist so stark mit sich selbst beschäftigt, dass sie nicht mehr zu ihrer eigentlichen Aufgabe kommt“, kritisierte Verbandsvize Mathias Waggershausen. Es gebe gewaltige strukturelle und personelle Probleme.

Waggershausen fürchtet, dass die neue Bundesgesellschaft im ersten Halbjahr 2021 gar keine neuen Autobahnprojekte ausschreiben wird. Die 15 000 Mitarbeiter müssten sich erst in der neuen Struktur zurechtfinden: „Es wird nächstes Jahr nicht funktionieren.“ Es drohe ein „extremes Auftragsloch“. Außerdem stünde rund eine Milliarde Euro zu wenig für Investitionen zur Verfügung.

Schon im August letzten Jahres hatte der Verband einen ersten Alarmruf ausgesandt. Da hatten die Firmen über einen spürbaren Rückgang der Straßenbauaufträge geklagt. Die Befürchtungen von damals hätten sich bestätigt, sagte Waggershausen.

Die Tiefbaufirmen hätten schon durch die Corona-Beschränkungen gelitten. „Viele Kommunen haben die Handbremse angezogen“, klagte Waggershausen. Zeitweise seien im Frühjahr die Ansprechpartner in der öffentlichen Verwaltung komplett abgetaucht gewesen. Den Mitarbeitern habe zum Teil die technische Ausstattung gefehlt, um im Heimbüro weiterarbeiten zu können. In einer gemeinsamen Initiative mit den Kommunen will der Verband für bessere Rahmenbedingungen bei den Investitionen sorgen. „Wir hoffen, dass der Bau bald wieder an Dynamik gewinnt, vor allem wenn die geplanten Investitionen aus den Konjunkturpaketen greifen“, sagte Präsident Böll.

Auch das Land hat laut Waggershausen mehr versprochen als gehalten. Im Frühjahr hatte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) angekündigt, man werde die Phase mit weniger Autoverkehr für die einfache Realisierung von Verkehrsprojekten nutzen. Waggershausen: „Da war der Wunsch Vater des Gedankens.“

Kürzere Wartezeiten

Mit Sorge sieht Böll die fehlenden Wohnungen. „Der eklatante Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist der soziale Zündstoff der kommenden Jahre“, warnte er. Die Zahl der Sozialwohnungen sei immer weiter zurückgefahren worden von 137 000 Einheiten im Jahr 2002 auf nur noch 51 000 aktuell. Bis zum Ende des Jahrzehnts drohe ein weiterer Rückgang auf 39 000. Böll: „Hier muss die Politik dringend gegensteuern, um stärkere Verwerfungen zu verhindern.“ Bund, Länder und Kommunen müssten mehr Geld in die Hand nehmen.

Für Bauherren hat das Ende des Baubooms einen Vorteil. Die Wartezeiten für sie haben sich reduziert. „Die Nachfragespitzen haben sich abgemildert“, sagte Böll. Kleinere Wartezeiten seien aber nicht zu vermeiden.

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