Wirtschaft

Merck-Gruppe Streit um Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland / Ärger bei Betriebsratsversammlung

„Bei Verhandlungen keinen Meter bewegt“

Archivartikel

Mannheim/Darmstadt.So etwas hat es in der jüngeren Geschichte bei Merck noch nicht gegeben, da ist sich Jürgen Glaser sicher. Der Darmstädter Bezirksleiter der Gewerkschaft IG BCE fürchtet betriebsbedingte Kündigungen in der Buchhaltung. Jegliche Vermittlungsversuche zwischen Arbeitnehmervertretern und Unternehmen scheiterten, der Konzern habe sich „bei den Verhandlungen keinen Meter bewegt“. Gestern sagte Glaser das den betroffenen Mitarbeitern bei einer Betriebsversammlung. „Die Enttäuschung ist groß“, sagt Glaser.

Doch von vorne: Im August vergangenen Jahres kündigte der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern an, mehr als hundert Arbeitsplätze von Darmstadt nach Breslau in Polen und Manila auf die Philippinen verlegen zu wollen. Betroffen ist eine Unternehmenstochter, die Merck Accounting Solutions & Services Europe, in die Merck 2006 Buchhaltung und Finanzdienstleistungen ausgegliedert hat. 117 Mitarbeiter könnten von betriebsbedingten Kündigungen betroffen sein, sagt nun die Gewerkschaft. Philip Heßen, Personalleiter von Merck in Deutschland, schloss eine solche Maßnahme beim Tochterunternehmen nicht aus. „Das ist die arbeitsrechtliche Konsequenz, wenn ein Arbeitsplatz wegfällt“, sagte Heßen dem „Handelsblatt“ (Montag).

Gleichzeitig sagte er, der Konzern habe dem Betriebsrat umfangreiche Vorschläge gemacht, wie die Mitarbeiter innerhalb der Merck-Gruppe zu gleichen Gehaltsbedingungen weiterbeschäftigt werden könnten. Eine rechtliche Zusicherung habe man hierfür jedoch nicht gegeben, zitiert ihn das „Handelsblatt“. „Bislang fehlt jegliche verbindliche Zusage“, sagt Glaser.

Schwere Vorwürfe

Umso mehr ärgert das Glaser, weil es in dem Traditionskonzern eigentlich gelebte Praxis sei, Mitarbeiter, deren Stellen wegfallen, weiterzuqualifizieren und irgendwo anders in der Unternehmensgruppe zu beschäftigten. Bei der Ausgliederung der Buchhaltung 2006 habe es eine Vereinbarung gegeben, das Tochterunternehmen dabei gleichzubehandeln. Die Arbeitnehmerseite wirft dem Konzern nun vor, die Sozialpartnerschaft mit der Unternehmenstochter aufgekündigt zu haben.

Die Fronten scheinen verhärtet. Zweimal schon kamen Vertreter von Konzern und Arbeitnehmerseite zusammen, um eine Lösung zu erarbeiten – ohne Erfolg. Am Freitag soll es ein weiteres, letztes Treffen geben.

Wenn die Parteien nicht zueinanderfinden, dann – das befürchtet die Gewerkschaft – wird der Konzern Ernst machen. Dann bleibe nichts anderes übrig, als einen Sozialplan zu erarbeiten. Eine letzte Option sieht Glaser darin, den Termin am Freitag noch einmal zu verschieben, um noch etwas Zeit zu gewinnen. Die Entscheidung darüber liege aber beim Konzern.

Die Merck-Gruppe beschäftigt weltweit rund 53 000 Mitarbeiter in 66 Ländern. In Deutschland arbeiten über 12 000 Mitarbeiter für das Unternehmen, davon über 10 000 am Standort Darmstadt.