Wirtschaft

Beim Diesel-Paket bleibt vieles nebulös

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Was bislang klar ist

Die Bundesregierung will mit dem Diesel-Paket Fahrverbote in deutschen Städten vermeiden. Das Paket gilt nur für Diesel-Besitzer in einzelnen Städten und Kreisen sowie für bestimmte Modelle – alle anderen Fahrzeugbesitzer bleiben außen vor Betroffene Diesel-Besitzer sollen nach dem Willen der Bundesregierung von den Herstellern entweder eine Umtauschprämie oder den nachträglichen Einbau eines Katalysators angeboten bekommen

Gehört Mannheim zu den stark mit Luftschadstoffen belasteten Städten?

Mannheim und die Städte der Metropolregion gehören nicht zu den belasteten „Intensivstädten“ mit mehr als 50 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) pro Kubikmeter Luft. Dennoch liegt auch hier die Belastung über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter. Die nächstliegenden Städte mit einer hohen Belastung sind Darmstadt, Heilbronn, Stuttgart und Ludwigsburg.

Wie kann man herausfinden, welche Abgasnorm das eigene Dieselauto erfüllt?

In der seit Oktober 2005 geltenden Zulassungsbescheinigung (Teil eins) weist der Punkt 14 darauf hin, welche Abgasnorm das eigene Auto erfüllt. Im älteren Fahrzugschein (gültig bis Oktober 2005) finden Autofahrer diese Information unter Punkt eins.

Wie hoch darf der Stickoxid-Ausstoß sein, damit Diesel-Pkw von einem Fahrverbot verschont bleiben?

Die große Koalition hat festgelegt, dass Fahrzeuge mit Abgasnorm Euro 4 oder 5 und einem NO2-Ausstoß von weniger als 270 Milligramm pro Kilometer von Fahrverboten verschont bleiben. Experten zufolge ist dieser Wert aber nur durch Nachrüstung mit einem Katalysator zu erreichen.

Wie geht man vor, wenn man seinen Wagen umtauschen will?

Der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) empfiehlt, zum Händler zu gehen. Dort kann der Autobesitzer fragen, welche Angebote es vom Fahrzeughersteller gibt. Die Prämien, welche die Autohersteller zahlen wollen, variieren stark.

Wie hoch werden die Prämien sein, wenn man sein Dieselfahrzeug umtauscht?

Die Höhe der Prämien ist unterschiedlich. Daimler will beim Kauf eines neuen Mercedes-BenzFahrzeugs bis zu 10 000 Euro Umtauschprämie zahlen. Wer einen gebrauchten Mercedes kauft, soll bis zu 5000 Euro Prämie erhalten. BMW will 6000 Euro Prämie an Autofahrer zahlen. VW plant eine Prämie von 4000 Euro bei einem Umstieg von einem Euro-4-Wagen und 5000 bei einem Euro-5-Fahrzeug. Renault zahlt eine Prämie von bis zu 10 000 Euro.

Welchen Nutzen haben technische Umrüstungen?

„Tests haben gezeigt, dass die Systeme funktionieren“, sagt Stefan Braunschweig, Sprecher beim ADAC Württemberg. Mit ihnen sei eine wesentliche Reduktion von 50 bis maximal 90 Prozent der Emissionen möglich. In größeren Fahrzeugen wie Bussen sind Katalysatoren bereits verbaut. Bei Personenkraftwagen hat man dagegen bisher noch keine Erfahrungswerte.

Kann man die Umrüstungen auch auf eigene Kosten vornehmen?

Grundsätzlich könne man die Nachrüstung auch privat beauftragen, sagt Ulrich Köster vom Zentralverband des Kraftfahrzeuggewerbes. Abwägen muss man dabei, ob sich der Einbau lohnt. Möglicherweise ist er eine Voraussetzung dafür, dass man beim späteren Verkauf noch einen vernünftigen Kaufpreis für seinen Wagen erzielt.

Wie stehen die Chancen, die Autokonzerne auf dem Rechtsweg dazu zu zwingen, für dieUmrüstung zu zahlen?

Eine Klage hat so gut wie keine Chancen. Laut Stefan Braunschweig gibt es keine rechtliche Handhabe: „Die Fahrzeughersteller können sich darauf berufen, dass sie die Fahrzeuge nach den damals gültigen Zulassungsrichtlinien gebaut haben.“

Was bislang nicht klar ist

Es ist offen, ob alle Diesel-Hersteller eine Nachrüstung mit Katalysator durchführen Wer für die Kosten der Nachrüstung aufkommt, ist nicht entschieden Es gibt keine Einigung darüber, wer bei eventuellen Schäden durch neu eingebaute Katalysatoren haftet Das Kraftfahrt-Bundesamt hat noch keiner Technik zur Diesel-Nachrüstung eine Genehmigung erteilt.

Wie könnte ein Umtausch des eigenen Autos ablaufen?

Dieselbesitzer sollen beim Händler nachweisen, dass sie die Aktion in Anspruch nehmen können – etwa weil sie in einer der 14 Städte arbeiten. Das alte Auto wird in Zahlung genommen. Auf den Restwert soll dann die Prämie aufgeschlagen werden – und die Lücke zur Anschaffung eines saubereren Neuen oder Gebrauchten verkleinern.

Kann man auch als Mannheimer von den Prämienprogrammen profitieren?

Eher nicht. Wer einen älteren Diesel hat, aber nicht in den betroffenen 14 Städten oder deren Umland wohnt oder als Pendler dort arbeitet, geht leer aus. Genauso wie Besitzer eines Diesel-Pkw mit Euro-3-Norm oder weniger. „Umtauschprämien“ für die übrigen Regionen gibt es auch – sie fallen aber in der Regel niedriger aus.

Wann beginnen die Umtauschprogramme der Konzerne?

Das ist insgesamt noch nicht klar. Das Umtauschangebot von BMW gilt schon, auch bei Renault können Interessenten bereits vorstellig werden. VW, Daimler und Opel dagegen haben sich noch nicht festgelegt, wann die Aktionen starten.

Wird die Autoindustrie einer möglichen Nachfrage bei den Tauschprogrammen gewachsen sein?

Das ist schwer absehbar. Schon jetzt kann sie die Nachfrage wegen der Engpässe durch die Umstellung auf den neuen Abgasteststandard WLTP nicht erfüllen. Und dann könnte einem kurzfristigen, von Prämien befeuerten Nachfrageschub wohl auch eine Auslieferungsdelle folgen.

Wie geht es mit den technischen Nachrüstungen weiter?

Hier ist die Lage völlig unklar. Das betrifft sowohl die Frage der Finanzierung  als auch die Frage, welcher Hersteller überhaupt mitzieht. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will nun mit den Konzernen weiter verhandeln. Diese stehen Nachrüstungen allerdings skeptisch gegenüber: zu aufwendig, zu teuer, ungünstig für den Verbrauch, sagen sie.

Wie schnell wären solche Umrüstungen möglich?

Das wird noch dauern. Zurzeit steht noch die Zulassung des Kraftfahrtbundesamtes aus. Erst dann können die Katalysatoren in Serie produziert und verbaut werden. Hubert Mangold, Geschäftsführer des Katalysatoren-Herstellers Oberland Mangold, geht davon aus, dass das Unternehmen Anfang nächsten Jahres die ersten Modelle an den Markt bringen kann. Intern rechnet die Bundesregierung damit, dass Nachrüstungen frühestens in einem Jahr starten.

Für wen lohnt sich eine Umrüstung des Fahrzeugs?

Der ADAC sagt, vermehrt für Fahrzeuge mit der Abgasnorm Euro 5 käme eine Umrüstung infrage.

Diese Fahrzeuge seien noch relativ jung und hätten einen hohen Restwert. Je älter das Fahrzeug, desto weniger lohnt sich das Nachrüsten, weil der Wert des Wagens im Verhältnis zu den Nachrüstungskosten immer kleiner wird.

Sind Besitzer eines Diesel mit der Abgasnorm Euro 6 auf der sicheren Seite, was Fahrverbote angeht?

Nicht unbedingt. Unter anderem Umweltverbände bezweifeln, ob mit dem Paket die Luft in den Städten wirklich entscheidend besser wird und Fahrverbote verhindert werden. Selbst Autos mit der neuen Abgasnorm 6 seien nicht sauber genug. Und Fahrzeuge mit der neuesten Norm 6dTemp seien noch gar nicht ausreichend auf dem Markt

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