Wirtschaft

Analyse Wenn die neue Ehe funktionieren soll, müssen die Filialen deutlich umgekrempelt werden

Champagner für König Kunde

Berlin.Wer sich mit der Zukunft des Einkaufens beschäftigt, fährt am besten mit der Rolltreppe hinauf ins Restaurant einer Karstadt-Filiale. Haben Sie lange nicht gemacht? Eben. Früher ging, wer in die Stadt zum Einkaufen fuhr, wie selbstverständlich in eine der oberen Etagen der Warenhäuser, aß Schnitzel oder Scholle zu Mittag. Heute sitzen dort vereinzelt ein paar Menschen an den Tischen. Das Ambiente: eher Wiener Wald. Der Hippnessfaktor: ähnlich dem ZDF, beliebt allenfalls beim Publikum jenseits der 60, keinesfalls bei Jüngeren.

Die Warenhäuser – einst Zeichen glamourösen Aufschwungs – sind aus der Zeit gefallen. Aussterben müssen sie darum aber nicht. Das sollten sie auch nicht. Wegen der Mitarbeiter nicht. Auch wegen aller anderen Bürgern nicht. Denn was, bitte schön, ist eine Innenstadt ohne Schaufenster? Nun gehen Karstadt und Kaufhof zusammen. Projektname Deutsche Warenhaus Holding. Karstadt-Eigner René Benko, ein österreichischer Immobilienunternehmer, hat seit Jahren auf die Fusion der Unternehmen hingearbeitet. Doch Größe allein wird nicht reichen, damit die beiden Ketten mit ihrer jeweils 150 Jahre langen Tradition nicht verschwinden wie vor ihnen schon Hertie, Horten, oder Neckermann.

Dafür hat der Online-Handel die Konsumgewohnheiten in den letzten Jahren zu sehr verändert. Einst ging man einkaufen: Obst, Gemüse, Milch, das Alltägliche. Und shoppen: das Kleid, den Rock, das Buch, um sich Gutes zu tun. Mittlerweile bestellt man bequem von der Couch aus im Internet, was im Kühlschrank fehlt und was den Frust behebt. Öffnungszeiten? Muss man sich dort nicht mehr merken.

Zu sehr mit sich beschäftigt

Nur: „Dort“ gibt es nicht das Bummeln, das Anfassen, das Einkaufserlebnis. Das bieten nur die Kaufhäuser vor Ort, die Läden. Es ist ihre Stärke. Arbeiten müssen sie an ihrer Schwäche: dem Staub, dem fehlenden Willen umzuräumen. Zu sehr waren Karstadt und Kaufhof in den letzten Jahren mit sich selbst beschäftigt. Dabei sind sich Handelsexperten einig, wie ein Geschäft mit Zukunft aussieht: Digitales Shopping wird mit dem analogen Laden verschmelzen. Berühmt: die digitalen Spiegel, die die Designerin Rebecca Minkhoff als eine der ersten in ihrer Modeboutique in Soho, dem Nobel-Shoppingviertel in New York, aufhängen ließ.

Verführung zum Kaufen

Kunden können die Teile, die sie in die Kabine mitnehmen, einscannen. Sie erscheinen dann auf dem Spiegel, der mit Touch-Screen-Technologie ausgestattet ist. Wer will, kann darüber beispielsweise die Verkäufer bitten, eine andere Größe oder Farbe zu bringen. Das ist ein Segen für alle, die es hassen, halb nackt durch den Laden zu laufen – und Teil ausgeklügelter neuer Verkaufsstrategie.

Denkbare Angebote darüber hinaus: Bei Online-Händlern bestellte Kleider kann man im Geschäft probieren und zurückschicken lassen, wenn sie nicht passen. Sogenannte Influencer, also Menschen, die in sozialen Netzwerken vor allem bei Jugendlichen für Produkte werben, werden live auftreten. Für die Älteren gibt es auf einer Etage eine Espressobar, auf einer anderen die Champagnerlounge, ebenso wie eine Ecke für Kochkurse oder Fitnessstunden. Es wird sich um mehr Hippness und schickes Ambiente zugleich drehen, um mit der Zeit zu gehen, die Menschen wieder zu gewinnen. Diese Verführung zum Kaufen, zum „Immer Mehr“, muss man freilich nicht gut finden, sie ist aber in der modernen Warenwelt nicht anders als in der alten.

Als Vorzeigeprojekt gilt zum Beispiel die Welle 7, ein Einkaufszentrum nahe dem Bahnhof in schweizerischen Bern. Das zehnstöckige Gebäude gehört dem Migros-Konzern, vereint 15 Shops, 14 Gastrobetriebe, Sporträume und Co-Working-Spaces, also zu mietende Arbeitsplätze. Es will eine Art neuer Marktplatz sein.

In allen Warenhäusern von Karstadt und Kaufhof wird das so nicht klappen, schon weil sie zu oft direkt nebeneinander liegen. In einigen Gebäuden werden eher Wohnungen oder Büros entstehen. In den anderen aber kann sich zeigen: Der Name Warenhaus mag überholt sein, das Kaufhaus und ein Besuch im Restaurant müssen aber nicht aus der Mode kommen.

In ihrer Analyse verbindet unsere Korrespondentin Hanna Gersmann Fakten mit ihrer persönlichen Meinung zum Thema.

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