Wirtschaft

Porträt Daimler-Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche wird 65 / Eine modische Kulturrevolution beflügelt den technischen Wandel

Chef mit Sneakern und Jeans

Archivartikel

Stuttgart.Krasser könnten die Gegensätze kaum sein. Als Dieter Zetsche fast auf den Tag genau vor fünf Jahren die Neuausgabe der S-Klasse präsentiert, gilt das als letzte Bewährungsprobe. „Ein Fehlschlag dürfte Zetsche sein Amt kosten“, orakelt damals einer der Branchenexperten. Just zu seinem 60. Geburtstag hat der Daimler-Chef eine weitere Gewinnwarnung platzieren müssen, die Konkurrenten BMW und Audi sind weit enteilt. Die Arbeitnehmer, die den Vorstandsvorsitzenden absägen wollen, können nur durch eine auf drei Jahre verkürzte Vertragsverlängerung besänftigt werden.

Fünf Jahre später, wenn er am Samstag seinen 65. Geburtstag feiert, klingt alles anders: Der Mann mit dem markanten Schnauzbart gilt jetzt als Retter von Daimler. Seit Jahren verkündet Zetsche immer neue Rekordzahlen für Absatz, Umsatz und Gewinn. Nach einem Modellfeuerwerk und der Neuaufstellung des Konzerns in China fährt die Daimler AG im Premiumsegment wieder vorneweg. Heute ist er über jede Kritik erhaben, sein Vertrag bis Ende 2019 verlängert. Nach einer zweijährigen Auszeit könnte er dann den Aufsichtsrat leiten.

Zetsche hat Daimler wieder ganz aufs Autogeschäft getrimmt. Er besiegelt den endgültigen Ausstieg beim Luft- und Weltraumkonzern EADS, verkauft den Motorenhersteller Tognum und verabschiedet sich damit endgültig vom Traum seiner Vorgänger, einen nicht mehr allein vom Auto abhängigen Industriekonzern zu schmieden. Schon bald nach Amtsantritt trennt er sich vom US-Konzern Chrysler. Dabei hatte er selbst einige Jahre den Partner geführt. Die eingenommenen Milliarden investiert der Konzern in neue Modelle, neue Technik wie das autonome Fahren und die Partnerschaft mit dem chinesischen Hersteller Baic.

Ein Leben für den Stern

Seit 42 Jahren arbeitet Zetsche für den Stuttgarter Autokonzern. Als der Elektroingenieur dort 1976 anfängt, schreibt er als Erstes ein Programm, das Autos besser durch Kurven bringt. Seit 20 Jahren ist er im Vorstand, seit zwölf Jahren dessen Vorsitzender. Neben dem technischen Wandel leitet der Ingenieur einen Kulturwandel ein. Jung und hip soll das 130-jährige Unternehmen sein, so schnell wie ein Start-up. Zetsche legt Krawatte und Manschetten ab, tritt in Turnschuhen und Jeans auf. Eine ausgeklügelte Öffentlichkeitsarbeit zeichnet das Image eines bodenständig-sympathischen Chefs, der lässig das Gespräch mit den Mitarbeitern sucht und intern wie extern für lustige Weihnachtsbotschaften gefeiert wird. In einem dieser Videos zaubert die Bildbearbeitung sogar mal den Schnauzbart weg. Legendär sind die Auftritte des damaligen Chrysler-Chefs als „Dr. Z.“, der in Werbeclips für seine Autos wirbt.

Heute achtet die Mannschaft streng darauf, dass in Interviews jede Antwort juristisch wasserdicht ist und dies auch bei mehrfachen Nachfragen so bleibt. Spontan geht anders. Dafür sind von Zetsche keine verbalen Fehlleistungen bekannt, wie sie dem bisherigen VW-Chef Michael Müller unterlaufen sind. Samstags kann man Zetsche auch ganz unverstellt als Privatmann beim Einkaufen in Stuttgart erleben.

Viele Baustellen

Auch mit 65 wird der Konzernchef nicht nachlassen. Baustellen gibt es genug – trotz der Rekordzahlen. Er hat einen radikalen Umbau des Konzerns eingeleitet, der in einer Aufspaltung in drei Sparten enden könnte. Milliarden fließen in die Entwicklung einer Flotte von Elektroautos, die man schnell braucht, um ab 2020 die neuen Verbrauchsvorgaben einzuhalten. Dann sollen auch die ersten autonom fahrenden Autos auf die Straße rollen. Zwar hat Daimler inzwischen einen Dieselmotor, der alle Grenzwerte locker einhält. Aber der Skandal beschäftigt den Konzern weiter, die US-Behörden ermitteln, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft auch. Und die EU geht den Vorwürfen unerlaubter Absprachen mit anderen Herstellern nach.

Bei einem Manager wie Zetsche spielt auch das Private ins Geschäftliche hinein. 2010 ist seine erste Frau an Krebs gestorben. In den Jahren danach hat ihn manchmal die Tochter bei Auftritten begleitet. Streng abgeschirmt hat er 2016 seine aus Frankreich stammende Lebensgefährtin Anne geheiratet.