Wirtschaft

Industrie Mannheimer Werke von Mercedes-Benz und Evobus unterbrechen Produktion / Betriebsratschef fürchtet Wirtschaftskrise

Daimler-Mitarbeiter nehmen frei

Archivartikel

Mannheim/Stuttgart.In der Autoindustrie wird die Coronavirus-Krise nach Ansicht von Daimler-Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht (kleines Bild links) tiefe Spuren hinterlassen – und nicht so schnell zu überwinden sein. „Es soll jetzt niemand glauben, dass das in zwei Wochen erledigt ist“, sagte Brecht der Deutschen Presse-Agentur. Daimler produziere nun einmal Autos und Nutzfahrzeuge. „Woher sollte ich im Moment den Glauben nehmen, dass die Leute in einigen Wochen wieder massenhaft Autos kaufen?“ Was die Regierung derzeit unternehme, um das öffentliche Leben herunterzufahren, sei richtig und notwendig. Aber als Folge werde sich eine Wirtschaftskrise entwickeln.

Am Freitagabend sind am Mannheimer Daimler-Standort die letzten Schichten gelaufen. Die Produktion wird wegen der Corona-Pandemie zunächst für zwei Wochen unterbrochen. Am 6. April könnte der Betrieb wieder aufgenommen werden – wenn es die Lage zulasse, wie eine Konzernsprecherin hervorhebt.

In Mannheim werden Lkw-Motoren (Mercedes-Benz) und Busse für den öffentlichen Nahverkehr hergestellt (Evobus). Daimler ist mit insgesamt rund 8600 Beschäftigten größter Arbeitgeber der Stadt. Doch in den nächsten Tagen und Wochen wird das riesige Werksgelände relativ verwaist sein.

Vor wenigen Tagen hatte Daimler beschlossen, europaweit die Produktion zu stoppen. Auch das pfälzische Werk Wörth, wo die Lkw-Motoren aus Mannheim verbaut werden, trifft es. Die Unterbrechung soll Mitarbeiter vor einer Ansteckung mit dem Virus schützen; ohnehin könnte es immer schwieriger werden, die Produktion aufrecht zu erhalten, weil Lieferungen von wichtigen Teilen ausbleiben.

„Müssen die Krise managen“

Betroffene Mitarbeiter sollen Arbeitszeitkonten leeren, Resturlaub aus 2019 oder Urlaub für 2020 nehmen. Darauf haben sich Management und Arbeitnehmerseite geeinigt. Betriebsratschef Brecht geht aber davon aus, dass danach Kurzarbeit notwendig sein wird. „Wir haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir ab der dritten Woche in Kurzarbeit gehen können“, sagte er. „Und meine persönliche Meinung ist: Das wird passieren.“ Für wie viele Beschäftigte diese Regeln gelten, darüber macht Daimler keine Angaben.

Zugleich betonte er: „Das ist nicht der Start in ein unüberschaubares finanzielles Desaster.“ Selbst im schlechtesten Fall, sprich wenn die Kurzarbeit zeitweise auf null heruntergefahren würde, bekämen die Beschäftigten immer noch 80 Prozent ihres Nettolohns. Auch Leiharbeiter könnten an Bord bleiben. „Ich bin mehr als sicher, dass wir mit dem Kurzarbeitergeld ein gutes Instrument haben, um mit einer annähernd gleichen Zahl an Beschäftigten aus dieser Krise zu kommen“, sagte Brecht.

Ohnehin sei es wichtig, so aufgestellt zu bleiben, dass der Wiederanlauf schnell gelinge und nach dem Ende der Krise nicht Monate dafür ins Land gingen, die nötigen Leute zu finden. Einige Bereiche blieben deshalb auch in Betrieb, unter anderem dort, wo der Anlauf neuer Fahrzeuge vorbereitet werde – unter dem maximal möglichen Schutz der Beschäftigten. „Wir müssen diese Krise managen“, sagte Brecht. „Aber es wird auch ein Leben nach der Corona-Krise geben.“

Lage bald neu bewerten

Kurzarbeit wäre aktuell noch nicht für alle betroffenen Mitarbeiter möglich gewesen, erklärt Klaus Stein (kleines Bild rechts), Erster Bevollmächtigter der IG Metall Mannheim. „Das ist jetzt erst einmal eine Lösung für alle gemeinsam.“ Seien die zwei Wochen um, müsse man die Lage neu bewerten.

„Überall dort, wo der Betrieb aufrechterhalten werden muss, wird das Unternehmen entsprechende Vorkehrungen zum Infektionsschutz der Mitarbeiter treffen“, heißt es in einer Mitteilung. Auf dem Gelände bleiben unter anderem Sicherheitsleute und die Werksfeuerwehr.

Daimler setzt nach eigenen Angaben alles daran, Kunden weiter mit Ersatzteilen und Instandhaltungsservice zu versorgen. Das Servicenetz in Europa mit bis zu 3000 Stützpunkten soll flächendeckend aufrecht erhalten werden. (mit dpa)

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