Wirtschaft

Lebensmittel Schnäppchenpreise der großen Handelsketten empören Landwirte / Kanzlerin Merkel fordert „faire Beziehungen“

Das Tier steht an letzter Stelle

Berlin.Im Konkurrenzkampf um die Kunden locken Supermärkte mit Schnäppchenaktionen für Lebensmittel. Das bringt nicht nur Bauern in Rage, die seit Monaten protestieren – gegen Auflagen und Kosten beim Umwelt- und Tierschutz, aber auch für mehr Wertschätzung für sich und ihre Produkte. Die Bundesregierung hat das Brodeln aufgenommen. Nach einem „Agrargipfel“ lud Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag den Handel zu sich.

Was kam bei dem gemeinsamen Treffen heraus?

Neue Gesetze seien nicht beschlossen worden, sagte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) nach der Runde. Sie nannte aber Punkte, mit denen es weitergehen soll: Da ist ein Treffen mit Landwirtschaft und Handel. Supermärkte wollten regionale Angebote ausbauen. In einer „Beschwerdestelle“ sollten Erzeuger Fälle unfairer Praktiken melden können. Denn bisher bekämen Gemüsebauern schon mal morgens ein Fax, dass es statt 30 am Vorabend bestellter Paletten Kopfsalat nur noch 15 sein sollen. Um so etwas zu stoppen, solle eine EU-Richtlinie rasch umgesetzt werden, sagte Klöckner. „Wir haben ein gemeinsames Interesse an einer starken regionalen Versorgung unserer Bevölkerung mit einheimischen Produkten“, sagte Merkel. Die Politik ziele nicht auf staatlich verordnete Preise, aber auf „faire Beziehungen“ zwischen den Akteuren im Markt.

Wie ist das Verhältnis zwischen Handel und Produzenten?

Die führenden Händler – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl – kontrollieren nach Angaben des Bundeskartellamts zusammen mehr als 85 Prozent des Lebensmittelmarktes in Deutschland. Wer bei ihnen nicht gelistet ist, hat es schwer. Klöckner sprach von einem Verhältnis wie bei David gegen Goliath: „So fühlen sich aktuell Erzeuger, wenn sie mit dem Handel verhandeln – Augenhöhe ist nicht gegeben.“ Das schlage sich in den Preisen nieder. Allerdings wies Merkel darauf hin, dass Supermärkte meist nicht direkt mit den Bauern in Kontakt stünden. Verarbeiter für Fleisch oder Milch seien angesprochen.

Wie geht der Handel mit Lieferanten um?

Bei Preisverhandlungen wird oft mit harten Bandagen gekämpft. Das kann bis zum Boykott bestimmter Produkte gehen, um Lieferanten unter Druck zu setzen. Das bekamen sogar bekannte große Markenhersteller wie Nestlé oder Coca-Cola zu spüren. Dabei sind ihre Produkte für den Handel deutlich schwerer zu ersetzen als Angebote von Bauern und anderen kleineren Anbietern. „Ein Preisdruck des Handels zulasten von Tierschutz- und Umweltstandards ist nicht im Interesse der Verbraucher“, sagt auch der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller.

Wie sind die Bauern – auch in der Region – davon betroffen?

Klöckner warnt vor Dauertiefstpreisen. Wertschätzung könne nicht entstehen, wenn Fleisch, Obst und Gemüse teils verramscht würden. „Im Gegenteil: Man gewöhnt sich daran, der Handel erzieht sich seine Verbraucher.“ Leidtragende seien die Bauern, denen weniger bleibe, selbst wenn sie höhere Standards liefern müssten. Von einem Euro, den Verbraucher für Nahrung zahlen, kommen beim Erzeuger im Schnitt noch knapp 21 Cent an, wie das Thünen-Forschungsinstitut nach Daten für 2018 ermittelte. Vor 20 Jahren waren es mehr als 25 Cent.

„In Deutschland gibt es eine Freie Marktwirtschaft, da werden auch keine neuen Gesetze helfen. Aber es kann nicht sein, dass Ware unter dem Einstandspreis, also unter dem Einkaufspreis, verkauft wird“, sagt Wolfgang Guckert, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Rhein-Neckar. Dass Lebensmittel beim Discounter immer günstiger und günstiger angeboten werden, hätte nichts mehr mit Ethik, Moral oder Gewissen zu tun. „Die Sonderaktionen werden auf den Rücken der Tiere ausgetragen.“ Bauern würden mit ihren Forderungen nicht darauf abzielen, Millionäre zu werden. „Es geht darum ordentliche Landwirtschaft zu betreiben. Da darf es dem Händler und auch dem Kunden nicht wehtun, wenn ihr Fleisch, ihr Obst oder Gemüse ein paar Cent mehr kostet.“

Was sagt der Handel zu den Vorwürfen?

Die Branche fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) betonte: „Lebensmittel werden hier nicht verschleudert.“ Deutschland liege bei Lebensmittelpreisen rund zwei Prozentpunkte über dem Schnitt der einst 28 EU-Staaten. Zudem gebe es „globale Preisabhängigkeiten“, die man national gar nicht steuern könne. Rewe-Chef Lionel Souque erinnerte daran, dass hierzulande rund 13 Millionen Menschen in Armut oder an der Armutsgrenze lebten. „Günstige Lebensmittelpreise ermöglichen diesen Menschen eine gesunde und sichere Ernährung.“

Warum setzen Supermärkte auf Aktionen mit Billigpreisen?

Trotz aller Debatten zeigt sich: Viele Kunden lieben Schnäppchen. Für zwei Drittel (65 Prozent) der Bundesbürger sind Sonderangebote beim Einkaufen wichtig, so das Marktforschungsunternehmen Nielsen. Im harten Wettbewerb kann sich kein Händler leisten, diese Erwartungen zu enttäuschen. dpa/mica

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