Wirtschaft

Verkehr I Günther Schuh über bezahlbare Elektrofahrzeuge, die Zukunft der Fortbewegung und des Verbrennungsmotors

„Entwicklung verschlafen“

Mannheim.Auch im Hochlohnland Deutschland lässt sich ein bezahlbares Elektrofahrzeug bauen. Davon war Günther Schuh bereits 2010 überzeugt, als er die StreetScooter GmbH gründete. Von der Autoindustrie wurde der Professor damals vor allem eines: belächelt. Die Deutsche Post allerdings war überzeugt, kaufte die Elektro-Fahrzeuge und später das komplette Unternehmen. Fünf Jahre später hatte die deutsche Autoindustrie noch immer keine Vision davon, wie Elektromobilität die Massen erreichen könnte. Also setzte Schuh wieder mal selbst den Impuls und gründete die e.GO Mobile AG. Im Interview spricht er über seine Vision der urbanen Mobilität und warum er ein Verbot des Verbrennungsmotors für Unsinn hält.

Herr Schuh, Sie dürfen nun ein wenig träumen: Wie bewegen wir uns in 15 Jahren fort?

Günther Schuh: In 15 Jahren werden wir eine radikal veränderte Mobilität in den Städten haben. Hier fahren fast keine Fahrzeuge mehr, die Luftschadstoffe emittieren – und das, obwohl deutlich mehr Menschen in den Innenstädten unterwegs sind. Wir werden einen sehr komfortablen öffentlichen Nahverkehr haben, sein Anteil wird bis dahin von heute 17 bis 20 Prozent auf 50 Prozent gestiegen sein und er funktioniert on demand, autonom und komplett elektrisch. Sie sagen Ihrem Handy, wohin Sie wollen und bald wird dann – bimmelimm – ein Robotaxi oder ein Kleinbus neben Ihnen halten und Sie an das gewünschte Ziel bringen.

Es werden also kaum noch Menschen mit dem eigenen Auto unterwegs sein?

Schuh: Doch – dafür hängen die Deutschen einfach zu sehr an ihrem Auto. Aber in 15 Jahren fahren sie Elektro- oder Hybridfahrzeuge, die in der Stadt emissionslos unterwegs sind. Vor einem Parkhaus steigen Sie aus, sagen Ihrem Auto „Fifi, geh parken!“ und es parkt autonom ein. So passen dann gleich mal ein Drittel mehr Autos in ein Parkhaus und das Parkraumproblem hat sich erledigt.

Das klingt wunderbar. Aber wenn Sie nun aufhören zu träumen: Wie sieht die Realität in 15 Jahren aus?

Schuh: Tja, ganz so schnell wird es vermutlich nicht gehen. Wir haben einfach viel zu spät erkannt, dass wir in den Innenstädten ein massives Verkehrs- und Schadstoffproblem bekommen. Die Entwicklung haben wir einfach verschlafen. Das hätten wir wissen können und viel früher gegensteuern müssen! In 15 Jahren werden wir zu den Stoßzeiten wohl immer noch einen Verkehrsinfarkt und viel zu wenig Parkraum haben. Allerdings werden Verbrenner in den Innenstädten bis dahin verboten sein.

Sie sagen: „In den Innenstädten“. Sie glauben nicht an ein generelles Verbot des Verbrennungsmotors?

Schuh: Nein, ein Verbot ist in keinem Fall eine Lösung und macht weder ökologisch noch ökonomisch Sinn. Die Ökobilanz des Elektroautos wird auch in 15 Jahren nicht so gut sein, dass wir rein elektrisch unterwegs sein werden. In den Städten ja. Aber sobald es um Reichweite, um Geschwindigkeit geht, kommen Batterien einfach schnell an ihre Grenzen – oder werden unglaublich schwer und teuer. Von der Vorstellung, dass wir ein Elektroauto entwickeln können, das günstig ist und genauso schnell und weit fährt wie ein Verbrenner, müssen wir uns verabschieden. An einer Komponente werden wir immer scheitern. Das zeigt ja auch Tesla: Das sind wunderbare Autos, die toll fahren – aber unfassbar teuer sind.

Wer muss sich bewegen, damit Ihr Traum Wirklichkeit wird: die Autoindustrie, der Verbraucher?

Schuh: Der Verbraucher ist meiner Meinung nach viel weiter, als die Autoindustrie denkt. Die Nachfrage nach emissionslosen Autos ist da –das merken wir ja momentan ganz direkt. Für den e.GO Life bekommen wir jeden Tag zwischen fünf und 20 Vorbestellungen. Ohne Werbung, ohne Vertrieb – für ein Auto, das noch niemand testen konnte. Und ich bin auch zuversichtlich: Wenn die Anbieter merken, dass die Nachfrage da ist, werden sie dieser auch nachkommen – indem Sie eben auf einen günstigen Preis setzen und nicht auf die Reichweite.

Wenn der Verbraucher so umweltbewusst und fortschrittlich ist – wie erklären Sie sich dann, dass SUVs nach wie vor so beliebt sind?

Schuh: Die Leute kaufen sich ja keinen SUV, weil sie unbedingt ein Auto haben wollen, das besonders umweltschädlich ist. Sie kaufen sich einen SUV, weil der Einstieg besonders bequem ist, weil sie hoch sitzen und deshalb die Sicht besser und das Sicherheitsgefühl höher ist. Das kann man auch bei einem Kleinwagen berücksichtigen – was jedoch bisher sehr selten gemacht wird. Ich sehe da nicht unbedingt einen Widerspruch.

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