Wirtschaft

Automobil Vorstandschef Michael Lohscheller sieht Rüsselsheimer Hersteller auf richtigem Weg

„Entwicklungszentrum ist und bleibt das starke Herz von Opel“

Archivartikel

Frankfurt.Opel hat zum ersten Mal seit fast 20 Jahren im ersten Halbjahr wieder einen Betriebsgewinn erwirtschaftet – und mit rund 500 Millionen Euro ist er überraschend hoch ausgefallen. Vorstandschef Michael Lohscheller ist optimistisch, auch wenn die Rüsselsheimer zuletzt Marktanteile verloren haben.

Herr Lohscheller, Opel absolviert einen Marathonlauf. Für Sie persönlich ist das nichts Ungewöhnliches, Sie sind schon mehr als 100 Mal auf die Strecke gegangen. Wann bleibt Zeit zum Trainieren?

Michael Lohscheller: Ich laufe in der Regel morgens sehr, sehr früh und am Wochenende. Körperliche Fitness ist ganz gut. Der nächste Marathon ist im August geplant und dann im Oktober der wunderbare Frankfurt Marathon.

Sie haben den Betriebsgewinn den Beschäftigten in der Opel-Zentrale erläutert. Wie war die Reaktion?

Lohscheller: Große Freude und vor allem Erleichterung. Zumal der Gewinn mit 500 Millionen Euro überzeugend ausgefallen ist. Mein Dank gilt vor allem den Beschäftigten, die viel auf sich genommen und gleichzeitig sehr viel geleistet haben. Im Gegenzug sind alle Werke und die Arbeitsplätze bis 2023 gesichert. Und alle Werke bleiben erhalten. Das dürfte es in kaum einer anderen Branche und einem anderen Unternehmen geben, das vor solch umfassenden Veränderungen steht.

Opel hat in Europa im ersten Halbjahr mehr als 550 000 Autos verkauft. Der europäische Automobilverband ACEA nennt rund 486 800 Neuzulassung nach rund 518 600 ein Jahr zuvor. Woher kommen die Unterschiede?

Lohscheller: Das hat zu tun mit unterschiedlichen Abgrenzungen. ACEA beobachtet eine geringere Anzahl von Märkten. Wir haben im ersten Halbjahr sogar 572 000 Fahrzeuge weltweit verkauft. Aber die Marktanteile sinken – in Deutschland und in Europa. Das stimmt. Da müssen wir leichte Einbußen hinnehmen. Wir haben bewusst auf Ertrag und Finanzergebnis gesetzt. Natürlich wollen wir mit unseren neuen Fahrzeugen den Marktanteil stabilisieren und dann wieder wachsen.

Macht Opel pro Fahrzeug wieder Gewinn? Also keine Rabatte mehr?

Lohscheller: Natürlich verkaufen wir unsere Autos mit Gewinn. Wir verdienen mit allen Fahrzeugen Geld. Das liegt auch daran, dass die Kunden bereit sind, wieder mehr für ein Opel-Modell auszugeben. Auch geringere Rabatte spielen eine Rolle. Im Vergleich zum Wettbewerb konnten wir unsere Preisposition um zwei Prozentpunkte verbessern. Das ist eine Menge. Und es ist ein Indikator dafür, dass die Marke Opel wieder an Kraft gewinnt.

Die Werke in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern sind also ausgelastet?

Lohscheller: Unsere Werke sind wettbewerbsfähig. Wir werden sie in zwei Schichten auslasten und entsprechend investieren. In Eisenach werden wir in die Produktion des Grandland X investieren. Was wir in Rüsselsheim und Kaiserslautern im Detail machen, geben wir noch bekannt.

Dabei geht es auch um Elektromobilität, oder? Wann kommen die ersten neuen Opel E-Modelle?

Lohscheller: Wir stecken in einer großen Elektrooffensive. Bis 2020 wird es vier Angebote geben, darunter der Kleinwagen Corsa mit rein elektrischem Antrieb, bezahlbar für die breite Masse. Der Grandland X kommt auch als Hybrid und auch unsere leichten Nutzfahrzeuge elektrifizieren wir. Bis 2024 werden wir unser gesamtes Angebot elektrifiziert haben. Das ist ein Riesenschritt.

Fürchten Sie auf Dauer eine Konkurrenz zwischen Opel- und Peugeot-Modellen, die faktisch baugleich sind und sich nur äußerlich sowie im Preis unterscheiden?

Lohscheller: Nein. Zum einen wissen wir, dass die Käuferwanderung zwischen französischen und deutschen Marken sehr gering ist. Und wir differenzieren uns sehr, sehr gut, das zeigen Fahrzeuge, die wir bereits gemeinsam entwickelt haben. Ein Peugeot 3008 und ein Opel Grandland X haben ein komplett anderes Design, einen komplett anderen Innenraum, eine andere Lichttechnik, eine andere Abstimmung. Wir nutzen die Plattformen des Konzerns und bauen völlig unterschiedliche Autos. Das wird von den Kunden geschätzt. Der Grandland ist ein typischer Opel.

Was wird aus dem Technischen Entwicklungszentrum in Rüsselsheim mit seinen 7000 Beschäftigten?

Lohscheller: Die Empörung beim Betriebsrat Anfang Juli, als die Überlegungen zur Teilaufgabe bekannt wurden, waren groß. Das Entwicklungszentrum ist und bleibt das starke Herz von Opel. Alle künftigen Modelle für den europäischen Markt werden hier entwickelt und designt. Ebenso leichte Nutzfahrzeuge für den gesamten Konzern. Wir haben viele Kompetenzen für die gesamte Gruppe PSA hinzubekommen, auch für die Entwicklung neuer Motoren.

Aber es fallen auch Aufträge von externen Firmen mittelfristig weg. Es gibt also Überkapazitäten. Wir müssen daher Optionen prüfen, dazu gehören auch strategische Partnerschaften. Wir werden gemeinsam mit dem Betriebsrat und der IG Metall eine vernünftige Lösung finden – im Sinne unserer Mitarbeiter. Auch für die anderen Themen haben wir gute Lösungen vereinbart. Wir sind in einer Industrie, die sich deutlich ändert. Dass es Diskussionen gibt, ist doch klar.