Wirtschaft

Finanzbranche Herbe Kritik an heimischen Instituten / Renommierter Analyst Stuart Graham sieht vor allem die Deutsche Bank noch in großen Schwierigkeiten

Experte: Zu viele Filialen, zu niedrige Renditen

Archivartikel

Frankfurt.Deutsche Bank, Commerzbank, Volksbanken und Sparkassen sehen sich auf einem guten Weg. Aber internationale Investoren haben erhebliche Zweifel.

Zwar räumen auch Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank, und Martin Zielke, sein Pendant bei der Commerzbank, ein, dass sie auf einem schwierigen Weg sind. Zugleich betonen sie jedoch, dass sie vorankämen. Und auch Branchenverbände der Sparkassen und Volksbanken zeigten sich auf dem Bankengipfel gestern in Frankfurt ebenfalls vorsichtig zuversichtlich. Aber Stuart Graham – weltweit einer der renommiertesten Bank-Analysten und Berater von rund 100 wichtigen Großinvestoren – sieht eher schwarz für die deutschen Institute. Er wolle zwar nicht als Buhmann erscheinen, sagte der Brite vor rund 300 Bankern, aber gebe erhebliche Defizite und kaum Hoffnung auf Besserung.

Zweifel der Investoren

„Fast alle meine Kunden halten deutsche Banken für keine gute Geldanlage.“ Dafür seien die Gewinne einfach zu niedrig. Neuerliche Turbulenzen an den Finanzmärkten könnten für die Deutsche Bank sogar zu einer Katastrophe werden, betont Graham. In Deutschland gebe es weiter zu viele Banken, der Markt sei verzerrt. Seit fast 30 Jahren liege die Eigenkapitalrendite der deutschen Institute im Schnitt bei nur vier Prozent. Wegen der niedrigen Zinsen, des schlechten Kostenmanagements und zu langer Entscheidungsprozesse könne sie mittelfristig weiter fallen.

Bei der Digitalisierung sei der Druck durch FinTechs, Finanzanbieter mit digitalen Angeboten, hoch. Das verhindere höhere Gebühren und damit steigende Einnahmen. Nach wie vor gibt es nach Ansicht von Graham viel zu viele Filialen. „Apple hat in Deutschland 16 Stores, Aldi und Lidl haben 8000 Supermärkte und Sparkassen und Volksbanken jeweils 10 000 Filialen.“ Immer weniger Kunden kämen in die Filialen, weil sie ihre Bank-Geschäfte über das Internet abwickeln.

Graham wird noch deutlicher: Deutsche Bank und Commerzbank könnten kaum jemals eine angemessene Eigenkapitalrendite erzielen. Das sei gerade für die Deutsche Bank ein Problem, weil sie für das Weltbankensystem hohe Bedeutung habe. „Insbesondere die Deutsche Bank ist in den nächsten ein bis zwei Jahren in einer gefährdeten Position und braucht eine positive Entwicklung der Weltwirtschaft und die Märkte auf ihrer Seite.“

„Daran arbeiten wir“

Deutsche Bank-Chef Sewing gab auf der Tagung zu, dass es mit 5500 in Europa zu viele Finanzinstitute gebe. „Europa braucht nicht möglichst viele Banken. Europa braucht vor allem starke Banken.“ Dazu gehört nach Ansicht von Sewing die Deutsche Bank, die auch an ihrem globalen Anspruch festhalte. Mit dem Aufräumen der Bilanz sei man vor allem bei Rechtsstreitigkeiten fast durch. „Jetzt geht es vor allem um die Profitabilität. Daran arbeiten wir Quartal für Quartal“, so Sewing.