Wirtschaft

Essay Müßiggang ist gesellschaftlich verpönt – dabei stellt die moderne Arbeitswelt gerade alles Gewohnte auf den Kopf

Faulsein muss geschätzt werden

Mannheim.Faulsein ist heutzutage gar nicht so einfach – schon weil es sich kaum verheimlichen lässt. Moderne Büros mit verglasten Fassaden, Wänden und Türen entlarven hochgelegte Beine sofort. Wer glaubt, sich zumindest beim Daddeln am Computer die Arbeitszeit vertreiben zu können, sollte wissen: Die IT-Abteilung kann jeden Tastendruck und jeden Mausklick verfolgen. Ähnlich verhält es sich in Bankfilialen mit ihren einheitlichen Arbeits- und Besucherbereichen: Alle kriegen alles mit. Faulenzer haben in der modernen, transparenten Jobwelt keine Chance.

Faulheit („Acedia“) ist eine der sieben Todsünden, der laut katholischer Kirche besonders schwerwiegenden Sünden. Doch während die anderen sechs kaum noch schockieren (Wollust, Hochmut, Neid) oder nur noch selten Anstoß erregen (Völlerei, Jähzorn, Geiz), bleibt die Faulheit gesellschaftlich verpönt. „Sozialschmarotzer“, „Faulpelz“, „Drückeberger“ sind und bleiben Schimpfwörter. Faulheit hat den schlechtesten Ruf, weil dem Faulen unterstellt wird, sich auf Kosten der Gemeinschaft dem Nichtstun hinzugeben.

Welch Anachronismus! Es gilt, das Faulsein zu schätzen, es zu erlernen. Die Welt um uns herum zeigt die Dringlichkeit. Arbeit wird weniger. Die Digitalisierung nimmt uns eine Tätigkeit nach der anderen weg. Roboter und Algorithmen ersetzen immer mehr Abläufe, ja ganze Berufe. Stromableser, Pförtner, Supermarktkassierer, Reisebürobetreiber sind im Begriff, auszusterben, Bus-, Taxi- und Fernfahrer könnten bald folgen, Piloten ebenso.

Selbst bei Juristen, Versicherungsagenten oder Ärzten wird automatisiert: Das Vorsortieren von Prozessakten oder Bewerten von Versicherungsschäden leisten inzwischen Computerprogramme, chirurgische Eingriffe nehmen ferngesteuerte Roboterarme vor. Was noch vor Monaten undenkbar erschien, ist bald Realität: Maschinen liefern Essen und Pakete aus, sie dirigieren Symphonieorchester. Die Arbeit dürfte unter dem Strich also weniger werden.

„Verdorben, stinkend, verrottet“

Es ist kein Zufall, dass mit der Digitalisierung auch zunehmend über das bedingungslose Grundeinkommen debattiert wird. Viele halten es für volkswirtschaftlichen Irrsinn, für eine Utopie. Aber vielleicht wird Geld fürs Nichtstun eines Tages notwendig sein, wenn es immer weniger menschliche Tätigkeiten zu verteilen gibt. Damit sollte man auch übers Nichtarbeiten an sich sprechen. Und bei der Gelegenheit vom hässlichen Wort „faul“ lassen, das ja nicht nur „untätig“, sondern auch „verdorben, stinkend, verrottet“ bedeutet – was seinerzeit durchaus im Sinn der Kirchenoberen war.

„Muße“ wäre ein angebrachter Begriff in arbeitsarmen Zeiten, zumal dieses Wort ursprünglich „Gelegenheit, Möglichkeit“ bedeutet, was seinem künftigen Zweck entgegenkäme. Denn inzwischen geht es ja darum, Müßiggang, der sich uns zwangsläufig aufdrängt, zu beherrschen. Menschen, die nicht wissen, wie sie mit ihrer wachsenden Freizeit umgehen sollen, langweilen sich im besten Fall. Im schlechtesten kommen sie auf dumme Gedanken oder werden kriminell.

Was als Fleiß, was als Faulheit gilt, bestimmen die jeweilige Zeit, Kultur und Perspektive. Das Christentum machte Schluss mit der antiken Tradition, Muße als gesellschaftliches Ideal zu betrachten. Wer nicht zur Muße, zur Ruhe der Seele in Gott fand, galt als Banause, als träge. Christen nahmen die entgegengesetzte Perspektive ein: Wer träge war, lief Gefahr zu grübeln, auf Abwege zu geraten oder gar Gott den Rücken zu kehren. Hier half nur harte Arbeit. Mit „ora et labora“ („bete und arbeite“) waren die Benediktiner zur Stelle. Trägheit wurde zur Todsünde. Aber die Katholiken schenkten den Gläubigen zumindest einige Feiertage.

Die richtig harten Zeiten zogen mit den Protestanten ein: Für sie war fleißiges Arbeiten Zeichen eines gottgefälligen Lebens. Nun galt Luthers Wort: „Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen.“ Im aufkommenden Industriezeitalter knüpfte der Soziologe Max Weber in seinem Hauptwerk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ daran an: In den Fabriken der Alten und der Neuen Welt mühten sich die Menschen in 14-Stunden-Tagen. Erst Maschinen und Automatisierung verkürzten die menschliche Wochenarbeitszeit nach und nach.

Woran bemisst sich Fleiß?

Ganz langsam traut man sich, das Thema Faulheit einigermaßen unbefangen anzugehen. Bücher kommen auf den Markt („In der Faulheit liegt die Kraft“), der Soziologe Stephan Lessenich brachte 2014 eine beachtete Neuausgabe von „Das Recht auf Faulheit“ (1848) des französischen Sozialisten Paul Lafargue heraus. Man könnte darüber streiten, ob man den vermeintlich Faulen nicht unrecht tut, ob dahinter nicht in Wahrheit geniale Zeitgenossen stecken. Ist zu verurteilen, wer seine Arbeit rasch, weil konzentrierter erledigt und sich dann ins Freibad verabschiedet? Oder ist das unfair den Langsameren gegenüber? Woran bemessen sich Fleiß und Faulheit? An Schnelligkeit, Genialität, Anwesenheit? Wäre es nicht zeitgemäß, Mitarbeitern volle Autonomie zu gewähren, Leistung nach Zielen, nicht nach Zeit zu bewerten? Wie man es dreht und wendet – die Faulheit ist unerschöpflich.