Wirtschaft

Commerzbank Nach einer fast zehnstündigen Aufsichtsratssitzung sind drängende Fragen zu Strategie und Personalien erst einmal verschoben worden

Führungschaos statt klarer Perspektive

Archivartikel

Frankfurt.Die Commerzbank lähmt sich selbst. Fast zehn Stunden haben die Aufsichtsräte des Instituts am Mittwoch zusammengesessen, um einen Ausweg aus der Führungskrise zu finden. Der Ertrag ist ernüchternd: Eine Vier-Satz-Mitteilung der Bank schreibt fest, was im Grunde am Freitag schon klar war. Konzernchef Martin Zielke geht vorzeitig spätestens Ende Dezember – bleibt aber erstmal, weil es bislang nicht einmal eine vage Vorstellung gibt, wer den teilverstaatlichten Frankfurter MDax-Konzern künftig führen soll.

Auch die zweite Spitzenpersonalie – Ersatz für Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann – bleibt vorerst ungeklärt. Intern drängt sich kein Kandidat auf, obwohl das Gremium außer Schmittmann 19 weitere Mitglieder hat. „Es ist ein bisschen wie beim Elfmeterschießen: Keiner traut sich zu schießen, aber es will auch keiner ausgewechselt werden“, ätzt ein Beobachter. Nun soll extern gesucht werden. Nächster Versuch, die Nachfolge zu regeln: Die Aufsichtsratssitzung am 3. August.

Wie ein „geordneter Prozess“, den Schmittmann der Belegschaft im Intranet zusicherte, wirkt das alles nicht. Und die Zeit drängt. Das Management muss dringend die Frage beantworten, wie im Dauerzinstief nachhaltig Geld verdient werden soll und was aus dem im Vergleich zur Konkurrenz nach wie vor relativ großen Filialnetz werden soll.

„Es wäre eine Ohrfeige“

Zwar stellte der Vorstand – unbeeindruckt vom Führungschaos – den Aufsichtsräten am Mittwoch in Grundzügen vor, wie er sich den Kurs für die nächsten Jahre vorstellt. Die Rezepte sind im Kern wenig überraschend: weitere Stellenstreichungen und Filialschließungen.

Doch wie soll ein Vorstandschef auf Abruf überzeugend einen verschärften Sparkurs umsetzen? Und will die Bank allen Ernstes Zielkes Nachfolger vor vollendete Tatsachen stellen? „Welcher qualifizierte Manager will denn eine Rosskur umsetzen, die ein gescheiterter Vorgänger ihm hinterlassen hat?“, fragt die „Börsen-Zeitung“. Widerstand gibt es auch im Aufsichtsrat: „Es wäre eine Ohrfeige für einen neuen Vorstandschef, jetzt eine Strategie zu verabschieden.“ Dass die Strategie am 5. August mit Vorlage der Halbjahreszahlen veröffentlicht wird, ist mehr als ungewiss.

Viel Zeit freilich bliebe auch einem neuen Vorstandschef nicht. Die Ungeduld der Investoren hat zugenommen, nachdem die von Zielke vorgestellten Schritte nicht wirklich überzeugten: Etwas weniger Personal, etwas weniger Filialen, Eingliederung der Online-Tochter Comdirect. Den Verkauf der Mehrheitsbeteiligung an der polnischen mBank blies der Vorstand ab, weil sich die Preisvorstellung im Markt aktuell nicht durchsetzen ließ.

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